Der Blick von der Balustrade hinunter in die große Halle des Instituts für Technische Logistik (ITL) im Harburger Binnenhafen ist beeindruckend: Fünf Roboter stehen dort in Reih und Glied – allesamt startklar, bereit für das Kommando der Chefin und ihres Teams. Seit März 2026 leitet Prof. Jana Jost das ITL der TU Hamburg. Die Präsentation ihres „cleveren Fuhrparks“ bereitet ihr sichtlich Freude. „MOMA kann mit seinem beweglichen Arm sehr gezielt Dinge aus dem Lagerregal holen und unser ORCA mit den speziellen Reifen besonders gut draußen über unebenes Gelände fahren“, hebt sie die individuellen Kompetenzen hervor. „Unser Förderband dort drüben ist mit seinen Kameras in der Lage, die Kiste mit alkoholfreiem Bier von den anderen Getränken zu unterscheiden, der orangene Roboter kann sie dann holen.“ Klingt nach einem perfekten Arbeitsplatz. Aber natürlich lässt Jana Jost sich nicht von den fleißigen Helferlein in der Halle bedienen, sondern programmiert, konstruiert, experimentiert und forscht gemeinsam mit ihren Mitarbeitenden und Studierenden an den Robotern, ihren Fähigkeiten und deren Weiterentwicklung.

Eine ideale Weiterentwicklung auch für sie selbst. Denn die Robotik beschäftigt sie schon seit ihrem Studium der Angewandten Informatik mit Anwendungsfach Robotik an der TU Dortmund, das sie 2021 mit ihrer Promotion zum Thema „Maschinelle Sozialisation autonomer mobiler Roboter“ abgeschlossen hat. Durch eine Projektgruppe des Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik (IML) an der TU entstand der Kontakt dorthin, woraufhin sie 2011 als studentische Hilfskraft dort anfing, wissenschaftliche Mitarbeiterin wurde und 2021 die Abteilungsleitung für Robotik und Kognitive Systeme übernahm. Die Stelle an der TUHH eröffnete dann noch einmal ganz neue Perspektiven: „Der Outdoor-Bereich mit Hafen, Flugzeugbau oder Altem Land ist hier von zentraler Bedeutung. Das ist ein neues Feld für mich und war ein großer Anreiz. Noch dazu diese Halle und dass man hier eigene Roboter entwickelt“, freut sich die frisch berufene Professorin über die neue Herausforderung. Diese liegt sowohl in der Leitung des ITL mit aktuell circa 15 Mitarbeitenden, einer vergleichbaren Größe zu ihrer Abteilung am IML, als auch in der neuen Lehrtätigkeit. Zu Beginn der ersten Semesterferien fällt das Resümee durchweg positiv aus: „Das Umfeld hier ist sehr offen und kooperativ, wir haben eine ideale Forschungs-Community auch mit anderen Fachbereichen.“
Aktuell heißt es für Jana Jost gemeinsam mit Prof. Schüppstuhl, Leiter des IFPT, und den Teams: Daumen drücken für den Zuschlag zum Robo-Hub (NORDHUB), für den sie einen Antrag im Rahmen der Hightech-Agenda der Bundesregierung zum „KI Robotikbooster“ eingereicht haben. Ziel der vom BMFTR geförderten Maßnahme ist es, lernfähige Systeme – wie humanoide Roboter oder Drohnen – schneller aus der Spitzenforschung in die industrielle Anwendung zu bringen. „Wir wollen eine domänenspezifische Robotik-Testumgebung für kritische Infrastruktur erschaffen und dazu mit der umliegenden Industrie aus Schiffs-, Flugzeugbau und Energiesektor kooperieren. Wir haben hier viele sicherheitsspezifisch relevante Aspekte – was nicht viele Standorte in Deutschland von sich behaupten können“, zeigt sich die Wissenschaftlerin zuversichtlich.

Generell begeistert sie die Forschung in der Outdoor-Robotik, denn Faktoren wie Wetter, Untergrund oder klimatisch anstrengende Bedingungen müssen immer mitberechnet werden. „Es gibt endlos viele Bereiche, in denen Roboter Menschen dann die Arbeit erleichtern könnten – im Bauwesen, in der Agrarwirtschaft, bei der Müllabfuhr …“ Dabei geht es Jana Jost explizit nicht darum, Arbeitsplätze wegzunehmen, sondern Menschen bei ihrer Arbeit zu entlasten – etwa durch die Übernahme weiter Wege, schwerer Lasten oder Arbeiten unter kritischen Bedingungen. „Das Miteinander zwischen Mensch und Roboter sollte sich dabei immer gut anfühlen“, betont die Forscherin, der die Mensch-Roboter-Interaktion von Anfang an besonders am Herzen liegt.
Während die fünf Roboter in der ITL-Halle zur Kategorie „mobile Fahrroboter“ zählen, freut sich Jana Jost besonders auf einen Neuzugang: ADA, den ersten humanoiden Roboter am ITL, noch sicher verpackt in einer Transportbox aus China. Denn ihr Faible gilt den Robotern, die für die Mensch-Roboter-Interaktion geeignet sind. Wie EMILI, ein Roboter, der ihren Werdegang jahrelang bis über ihre Promotion hinaus begleitete. Der Roboter konnte sich auf die jeweiligen menschlichen Maße einstellen und war über unterschiedliche Interaktion steuerbar. „Wir haben etwa das Brain-Computer-Interface ausprobiert, bei dem Signale über eine Sensorik auf der Kopfhaut des Menschen gesendet werden“, berichtet sie. Das sei allerdings noch recht fehleranfällig. „Eigentlich bräuchte man Roboter, die abhängig vom jeweiligen Menschen entsprechende Möglichkeiten der Interaktion anbieten.“ Denn dann könnte man alle Menschen – unabhängig von Kultur, Sprache, Handicap oder Umgebungslautstärke – entlasten.
So offen und wertschätzend wie sie das Kollegium am ITL und der TU Hamburg hinsichtlich des wissenschaftlichen Austauschs wahrnimmt, so empfindet sie es auch als eine der wenigen Frauen in ihrem Bereich, am ITL als eine von bisher nur drei festangestellten Mitarbeiterinnen. Generell habe die Frauenförderung in Deutschland noch Aufholbedarf, und auch, dass mehr Mädchen MINT-Fächer wählten, hieße nicht, dass sie eine wissenschaftliche Karriere einschlügen. Ihr Tipp an junge Forscherinnen: „Sich selbst mehr zutrauen, indem man sich zum Beispiel auf Jobs bewirbt, obwohl man nur 80 Prozent der dort genannten Anforderungen erfüllt, Netzwerke nutzen, ohne sich dabei als Person zu verbiegen, und Mentoring-Programme von Frauen für Frauen nutzen!“ Wie inspirierend weibliche Vorbilder in der Wissenschaft sind, weiß die 38-Jährige aus eigener Erfahrung und nimmt diese Rolle jetzt gerne selbst ein. Sicherlich mit tatkräftigem Support von EMILI, ADA und Co.
Weitere Informationen: https://www3.tuhh.de/itl/