
Wie viele bahnbrechende Entdeckungen und Erfindungen kennen wir – und wie viele Forscherinnen fallen uns dazu ein? Im Jahr 2015 wurde von der UN der „Internationale Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft“ ins Leben gerufen, der jährlich am 11. Februar die entscheidende Rolle von Frauen in Wissenschaft und Technik zelebriert, einer noch immer männlich dominierten Welt. Ein perfekter Anlass für die TU Hamburg, mit „Women in Science“ eine Reihe zu starten, die den Fokus auf herausragende Forscherinnen in den eigenen Reihen legt. Los geht es mit Dr. Miriam Edel, deren junge Forscherinnenlaufbahn in der Technischen Mikrobiologie just durch eine außergewöhnliche Förderung gekürt wurde.
Für ihr Forschungsprojekt „INSPIRE: Innovative Wege zur Produktion von Succinat in Membran-Biofilm-Reaktoren“ hat die Mikrobiologin mit ihrer Nachwuchsgruppe eine beachtliche Förderung des Bundesministeriums für Forschung, Technik und Raumfahrt (BMFTR) in Höhe von 2,2 Millionen Euro gewonnen. „BioKreativ – Kreativer Nachwuchs forscht für die Bioökonomie“ unterstützt junge wissenschaftliche Teams dabei, ihre innovativen Lösungen für eine nachhaltige und biobasierte Wirtschaft zu entwickeln. Ein sensationeller Erfolg für die Forscherin, die damit nicht nur einen Meilenstein in ihrer noch jungen Karriere erreicht, sondern auch die Umsetzung ihres Projekts für die nächsten fünf Jahre sowie die Gehälter für sich selbst und drei Doktorand*innen sichert.
Wie kann man CO2 fixieren, also anorganisches Kohlendioxid aus der Luft oder aus Abgasen in eine feste organische Form, in ein Produkt umwandeln, das wiederum sinnvoll verwendbar ist? Diese Fragestellung trieb Miriam Edel angesichts der sich verschärfenden Klimakrise und der drängenden Herausforderung, CO2 zu reduzieren, an. „Ich habe mich hier für die Knallgasfermentation und die Gewinnung von Succinat entschieden“, erklärt sie ihre Herangehensweise in einem Prozess, bei dem Bakterien mit Wasserstoff, Sauerstoff und CO2 wachsen können. Succinat – auch Bernsteinsäure genannt – ist natürlicher Bestandteil des menschlichen Energiestoffwechsels und wird von der Industrie in Nahrungsergänzungsmitteln und Kosmetika eingesetzt. „Der Prozess ist recht vielversprechend, weil er ein hohes Endproduktspektrum hat“, erläutert die promovierte Mikrobiologin und lässt ein großes ABER folgen, welches im Knallgas begründet liegt: Hochexplosiv lässt es sich schwer in Prozesse einbinden. Deshalb habe sie einen neuartigen Ansatz in diesem Kontext gewählt: einen Membran-Biofilm-Reaktor, mit dem man die zwei Gase, die zusammen explosiv sind, voneinander trennen kann.
Für eine solche Vorgehensweise ist ein stabiler und katalytisch aktiver Biofilm entscheidend. Hier kann Miriam Edel auf ihren bisherigen Schwerpunkt der letzten drei Jahre aufsetzen: die genetische Modifikation von Mikroorganismen, sodass möglichst viel Zielprodukt entsteht: „Wir haben in kleinem Maßstab daran gearbeitet, einen Biofilm genetisch zu optimieren“, freut sich die Naturwissenschaftlerin über die wertvolle Basis aus der eigenen Forschung. Um sich einem wirklich skalierbaren Modell anzunähern, werde das Ganze in ihrem Projekt auf einen Zehn-Liter-Maßstab hochgefahren.
Voller Enthusiasmus schaut die Nachwuchsgruppen-Leiterin auf die praktische Umsetzung ihrer theoretischen Ausführungen. „Wenn man ganz weit denkt, kann so eine Membran-Biofilm-Anlage eines Tages überall CO2-reiche Gase zu sinnvoll verwendbaren Produkten wie Succinat recyceln, das von der Industrie auf vielfache Weise genutzt werden kann.“ Vielversprechende Aussichten ganz im Sinne der nachhaltigen Forschungs-Ausrichtung der TUHH, die das Projekt mit der Schaffung einer Postdoc-Stelle unterstützt.
Doch bevor es offiziell losgeht, erwartet Miriam Edel Ende Mai ein persönliches Highlight: ihr drittes Kind. Wissenschaftliche Karriere und Familie – das lässt sich für die 32-Jährige, die ihrer Arbeit in Vollzeit und vor Ort nachgeht, gut vereinbaren. Ihre Kinder motivieren sie einmal mehr, sich beruflich für eine nachhaltig lebenswerte Zukunft einzusetzen. „Ohne meinen Partner und seinen gleichberechtigten Einsatz wäre meine Karriere so allerdings nicht möglich“, betont sie. Mit den beiden heute vier- und knapp zweijährigen Kindern habe auch er Kinderkrankentage sowie sechs Monate Elternzeit beim zweiten Kind übernommen und wird dies auch beim dritten Kind tun.
Ein weiterer Mann spielt eine wesentliche Rolle in Edels Werdegang: ihr Chef, Prof. Dr. Johannes Gescher. Bei ihm hat sie ihre Promotion in der Angewandten Mikrobiologie am Karlsruher Institut für Technologie begonnen. „Als er 2021 an die TU nach Hamburg wechselte, hat er mir eine Postdoc-Stelle inklusive Mitverantwortlichkeit für Promotionen angeboten. Er hat mir großes Vertrauen geschenkt und meine Laufbahn damit unterstützt“, resümiert Miriam Edel, die die Stelle an der TU Hamburg im Mai 2022 angetreten hat. „Mein Chef hat an mich geglaubt und mich gefördert, unabhängig davon, dass ich Kinder bekommen und länger ausfallen könnte.“ Diesen Support spüre sie bis heute.
„Als Frau wird man heute schon mehr gesehen und gefördert“, findet Miriam Edel – auch hinsichtlich ihrer Präsenz im Managementboard des SFB Smart Reactors, für das eine Nachwuchsforscherin explizit erwünscht war. Bei der Vergabe von Professuren haben Frauen heute auch bessere Chancen, bestätigen die Gleichstellungsbeauftragten der TUHH: So wurde die Universität mit ihrem Gleichstellungskonzept für Parität im Rahmen des Professorinnenprogramms 2030 des Bundes und der Länder positiv bewertet. Im Zuge dieser Förderung wird sie im Frühjahr eine Professorin berufen, deren Professur über fünf Jahre durch das Programm mitfinanziert wird. Die dadurch freiwerdenden Mittel sind ausschließlich für Gleichstellungsarbeit zu verwenden. Damit die Quoten von aktuell circa 30 Prozent Studentinnen, 21 Prozent Wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und 12 Prozent Professorinnen steigen. Und damit es an dieser Stelle auch in Zukunft – und nicht nur am 11. Februar – beeindruckende Geschichten wie die von Miriam Edel zu berichten gibt