Doppelter Einsatz für die Umwelt

Zwei junge Männer stehen in einem hellen Innenraum mit Treppe und großen Fenstern im Hintergrund
Foto: TUHH
Jim und Pit Horeyseck (r.) studieren im dritten Semester an der TU Hamburg und engagieren sich als Klimabotschafter

Jim und Pit Horeyseck sind 18 und 21 Jahre alt. Trotzdem arbeiten die Studenten der TU Hamburg schon seit einigen Jahren als Klimabotschafter – und haben große Pläne

Am Anfang stand ein Autogramm. Oder besser gesagt: kein Autogramm. Weihnachten 2021 bei Familie Horeyseck im norddeutschen Nützen: Der 14-Jährige Jim, ein Junge mit Faible für Abenteuergeschichten, packt erwartungsfroh sein Geschenk aus: eine Biographie über den Polarforscher Arved Fuchs. Doch anders als von der Buchhandlung, wo das Buch verkauft wurde, versprochen, ist es nicht von Arved Fuchs signiert. Enttäuschung unter dem Tannenbaum. Doch Jim fasst einen Plan. 

Gemeinsam mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Pit fährt Jim kurze Zeit später ins benachbarte Bad Bramstedt, wo Arved Fuchs wohnt. Hier wollen sie sich das Buch nachträglich signieren lassen. Tatsächlich bekommen sie die Unterschrift – und mehr. Jims Engagement und Neugier gefallen dem Polarforscher sofort. Genau der richtige Kandidat für Fuchs’ Jugend-Expedition „I.C.E.“ (Ice, Climate, Education), die nach Dänemark segeln soll. Einziges Problem: Das Mindestalter für die Teilnahme ist eigentlich 16 Jahre. Doch spätestens nachdem der 14-Jährige einen beeindruckenden Aufsatz über die Erwärmung der Ostsee einreicht, steht für Arved Fuchs fest: „Der Junge muss mit.“

Besuch beim Bundespräsidenten

Der Junge kam mit. Die Reise legte den Grundstein für eine Laufbahn als Klimabotschafter – für Jim und seinen ebenso engagierten Bruder Pit. Seit ihrer Schulzeit sind sie regelmäßig an anderen Schulen zu Gast, um das Bewusstsein für Umweltthemen zu schärfen. „Schulen sind unserer Meinung nach dafür der ideale Ort“, sagt Jim. „Wer früh von den Themen Klima, Meere und Nachhaltigkeit gehört hat, kann sie später viel besser einordnen.“

Mittlerweile studieren Jim (18) und Pit (21) Horeyseck beide an der TU Hamburg. Im Herbst sind sie in ihr drittes Semester der Allgemeinen Ingenieurwissenschaften gestartet. Ihr Umweltengagement ist ungebrochen. Im Sommer referierten sie etwa beim UNU Hub Meeting „Engineering to Face Climate Change“ vor rund 50 gestandenen Wissenschaftler*innen aus dem In- und Ausland. Neben Schulevents werden sie mittlerweile auf politische Veranstaltungen eingeladen, zuletzt etwa bei Ex-Bundesministerin Annegret Kramp-Karrenbauer oder einem Fest von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Auch Medien wie der NDR und das Hamburger Abendblatt berichteten schon über die jungen Klimaschützer.  

Das Interesse der Horeysecks für Umweltthemen wurde früh geweckt. Schon im Grundschulalter segeln Jim und Pit mit ihrem Vater auf einer kleinen Jolle in der Lübecker Bucht. Hier erleben sie die zunehmenden Umweltprobleme der Ostsee wie Plastikmüll und Eutrophierung hautnah. Ein paar Bilder haben sich bei den beiden eingebrannt. Ein am Strand verendeter Schweinswal. Ein riesiger Blaualgen-Teppich. „Wir wussten, dass wir in diese Algenplage nicht einfach hineinsegeln sollten, um keinen Hautausschlag zu kriegen“, sagt Jim Horeyseck. Sein Bruder Pit ergänzt: „Irgendwann stand für uns fest: Wir wollen das nicht ignorieren, sondern selbst aktiv werden. So entstand die Idee für die Projekttage.“   

Mit Beharrlichkeit und „Babybonus“

Unter dem Eindruck der Ostsee-Erlebnisse und Jims Erfahrung bei Arved Fuchs organisieren die Teenager aus eigenem Antrieb an ihrer Schule Projekttage. Die Veranstaltungen mit zahlreichen Workshops werden größer. Für eine abendliche Podiumsdiskussion gewinnen Jim und Pit sogar Fachleute aus Wissenschaft und Politik wie Staatssekretärin Katja Günther oder Biologin Prof. Dr. Saskia Brix. Am Ende sitzen 300 Menschen im Publikum, das Fernsehen berichtet. Die Beharrlichkeit der Horeysecks zahlt sich aus. „Wenn wir 20-mal bei jemandem nachhaken, um zu fragen, ob er zu unserer Veranstaltung kommen möchte, wird uns eher verziehen als Erwachsenen“, sagt Jim. „Unser Vater nennt es unseren ‚Babybonus‘.“

Babybonus oder nicht: Die Aufgabe der Horeysecks wird nicht unbedingt leichter. Im Kampf um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit bekommt das Thema Klimawandel ständig Konkurrenz in Form ständig neuer Krisen. Ukraine, Gaza, Iran. Jim und Pit Horeyseck kennen viele Gleichaltrige, die aus lauter Frust gar keine Nachrichten mehr verfolgen. Doch das Thema Umwelt, so Jim, werde letztlich jeden betreffen, ob er will oder nicht: „Die wenigsten wollen bei ihrem Lebensstil Abstriche machen. Also braucht es gute Ideen, wie wir in Zukunft mit den Ressourcen umgehen, die wir haben.“

Auch deshalb fühlt sich das Brüderpaar so gut an der TU Hamburg aufgehoben, die sich das Ziel „Engineering to Face Climate Change“ gesetzt hat. „Der Fokus auf ‚Green Technologies‘ war tatsächlich unser Grund, uns hier einzuschreiben“, verrät Pit Horeyseck. „Unser Ziel ist klar: Wir wollen möglichst viel von der Materie verstehen, das Studium so schnell wie möglich absolvieren und uns dann für erneuerbare Technologien einsetzen.“

Lösungsorientiertes Denken

Die pragmatische Ingenieursperspektive haben sie von ihrem Vater mitbekommen. Der hatte einst Anlagenbetriebstechnik studiert. „An der Schule haben uns Lehrer eigentlich immer nur gesagt, was alles nicht geht“, erinnert sich Pit. „Unser Vater dagegen hat uns immer erklärt, warum etwas geht. Dadurch haben wir von klein auf lösungsorientiert gedacht.“  Das gilt übrigens nicht nur beim Thema Umwelt. Pit etwa engagiert sich im Rahmen seines Stipendiums der Konrad-Adenauer-Stiftung für Aufklärung zum Thema politischer Extremismus. 

Auch Jim wird mit einem Stipendium (Hans-Böckler-Stiftung) gefördert. Wer mit dem Brüderpaar spricht, merkt schnell: Sie haben einen Plan. Fast schon tröstlich, dass die beiden noch nicht wissen, wo genau sie ihr Weg hinführen wird. Vielleicht schlagen sie ja auch eine politische Laufbahn ein. Karriereziel Bundesumweltminister? „Das wäre natürlich ein Traum“, sagt Jim. Sein älterer Bruder Pit ist zurückhaltender. „Ganz ehrlich, ich bin etwas skeptisch geworden, wie viel man als Politiker wirklich bewegen kann. Unter Umständen kann man als Ingenieur an entscheidender Stelle sogar mehr ausrichten.“ Ob als Politiker, Unternehmer oder Forscher: Vielleicht sind ja Jim und Pit Horeyseck eines Tages diejenigen, die ein Buch signieren werden.