Jetzt noch bewerben! Verlängerte Bewerbungsphase für das Orientierungsstudium bis zum 31.8.2026

Ein Immunsystem für Bauwerke

Wie eine TUHH-Kooperation kritische Infrastruktur digital schützen will

Grafik der UN-Ziele 9, 11 und 17

Forschende: Prof. Kay Smarsly, Kosmas Dragos 
 

Was haben Brücken, Tunnel und Sprungtürme mit dem menschlichen Körper gemeinsam? Wenn es nach einem Hamburger Forschungsteam geht, erstaunlich viel. Durch die fortschreitende Digitalisierung werden moderne Bauwerke zwar intelligenter, aber auch anfälliger für Cyberangriffe. Am Institut für Digitales und Autonomes Bauen (IDAC) der TUHH wird deshalb in einer deutsch-griechischen Kooperation an einer revolutionären Sicherheitsarchitektur geforscht. Das Ziel: selbstschützende Bauwerke zu entwickeln, die ähnlich dem menschlichen Organismus ein eigenes, digitales Immunsystem besitzen.

Das dunkelblaue Meer am Horizont, darüber ein fast wolkenloser, hellblauer Himmel und ein weißer Sprungturm, der daraus hervorragt. Was wie eine idyllische Urlaubsszene anmutet, ist Schauplatz wissenschaftlicher Maßarbeit. Wir befinden uns im nationalen Schwimmbad der Hafenstadt Thessaloniki: Statt von Badegästen wird der Sprungturm von Forschenden in gelben Warnwesten belagert. Sie hantieren mit Laptops, Akkuschraubern und kleinen, kabellosen Sensoren, die sie per Magnet am Beton befestigen. 

„Mit den Sensoren untersuchen wir das Schwingungsverhalten der Konstruktion“, erklärt Kosmas Dragos, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Digitales und Autonomes Bauen der TUHH. „Die dynamischen Eigenschaften des Sprungturms müssen normative Anforderungen erfüllen, damit die Anlage sicher genutzt werden kann.“ Sobald Wind auf die Konstruktion trifft oder Menschen den Turm nutzen, beginnt das Bauwerk unmerklich zu schwingen. Die Sensoren zeichnen diese Vibrationen auf und funken die Daten in Echtzeit an den Rechner von Dragos. 

{f:variable name="poster" value=""}

Video: LSMS/AUTH & IDAC/TUHH

Springturm
Foto: Unsplash/Samarth Kulkarni

Mit Sensorik zum eigenen Nervensystem 

Diese Messmethode, das sogenannte Structural Health Monitoring (SHM), kommt weltweit zum Einsatz – vor allem bei Brücken, Offshore-Windkraftanlagen oder Tunneln. SHM fungiert wie ein Nervensystem für Bauwerke. Die Funktionsweise basiert auf strategisch platzierten Sensoren, die kontinuierlich Schwingungen, Temperatur oder Materialdehnungen erfassen. Diese Rohdaten werden an zentrale Recheneinheiten übermittelt, wo spezialisierte Algorithmen selbst kleinste, für das menschliche Auge unsichtbare Abweichungen vom normalen Strukturverhalten analysieren. 

Der entscheidende Vorteil dieser Methode liegt auf der Hand: Schäden und Materialermüdungen können frühzeitig erkannt werden, bevor sie sich zu kritischen Beeinträchtigungen entwickeln – das spart erhebliche Instandhaltungskosten. „Unsere Daten liefern dem Eigentümer wichtige Informationen darüber, wie flexibel und sicher der Sprungturm bei Belastung reagiert“, erklärt Dragos. Der Doktorand hat Bauingenieurwesen an der Aristotle University of Thessaloniki studiert. Heute leitet er die Arbeitsgruppe für Smart Monitoring am IDAC und teilt seine Arbeitszeit zwischen Hamburg und seiner Heimatstadt Thessaloniki auf. „Durch die Messungen geben wir Hinweise auf mögliche Schäden und zeigen, welche Bereiche näher untersucht werden sollten.“ 

Das Schwimmbad wird derzeit saniert, die Hamburger Messdaten fließen somit direkt in die offizielle statische Bewertung ein. Dass Systeme wie das SHM trotz ihres Nutzens im Alltag – etwa bei Wohnhäusern – noch selten zu finden sind, hat laut Dragos pragmatische Gründe: „Letztlich ist der Einsatz immer das Ergebnis einer Kosten-Nutzen-Analyse der Eigentümer. Momentan wird diese Technologie ganz gezielt für Infrastrukturen priorisiert, die für die Öffentlichkeit sicherheitskritisch sind, wie Brücken oder Pipelines.“

Diese Ausstattung sicherheitskritischer Strukturen mit Monitoringsystemen birgt aber auch Gefahren, warnt Professor Kay Smarsly. Er ist Leiter des Instituts für Digitales und Autonomes Bauen (IDAC) der TUHH. „Zukünftig sind Bauwerke immer mehr mit Sensorik ausgestattet, die wiederum online verfügbar ist. Dies öffnet Tür und Tor für Cyber-Attacken“, so Smarsly. „Ein Bauwerk kann also intakt sein, während sein online vernetztes Monitoringsystem fehlerhaft oder kompromittiert ist – und umgekehrt.“ Die umfassende digitale Vernetzung der Infrastruktur macht Bauwerke somit nicht nur intelligenter, sondern auch verwundbarer.

Kritische Infrastruktur im Visier 

„Bei einer modernen Brücke oder einem Tunnel dürfen wir nicht mehr nur die physische Struktur betrachten“, sagt Smarsly. „Das Bauwerk, seine Sensoren, die Kommunikationsnetze, die Datenverarbeitung und die darauf aufbauenden Entscheidungen bilden gemeinsam ein cyber-physisches System.“ Ein solches Gesamtsystem kann laut Smarsly auf drei Arten beeinträchtigt werden: durch Schäden am Bauwerk selbst, durch Fehler im Monitoringsystem – beispielsweise einen defekten Sensor – und durch Cyberangriffe. 

Das realistischste Szenario sei gegenwärtig nicht der viel zitierte „Brückeneinsturz per Mausklick“, so Smarsly, sondern Angriffe auf die digitalen Augen und Nerven der Infrastruktur. Messdaten könnten manipuliert werden, Monitoringdienste außer Betrieb gesetzt, Warnungen unterdrückt oder falsche Alarme ausgelöst. Als Konsequenz könnte entweder eine lebenswichtige Wartung ausbleiben oder teure Fehlsperrungen drohen. Besonders kritisch wird es, wenn auch die Aktorik – also die steuerbaren Elemente von Drehbrücken oder Tunnellüftungen – manipuliert wird.

Vom Immunsystem lernen

An diese neue Bedrohungslage setzt das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Kooperationsprojekt „Digital Immunization of Civil Infrastructure“ an. Dazu kooperiert das IDAC mit dem Laboratory of Experimental Strength of Materials and Structures der Aristotle University of Thessaloniki. Der besondere Kniff hinter dem Projekt: Das Forschungsteam überträgt die Funktionslogik des biologischen Immunsystems auf Bauwerke. Der menschliche Körper schützt sich durch eine schnelle, angeborene Abwehr und bildet über die adaptive Immunität ein Gedächtnis gegen zukünftige Angriffe. Nach diesem Vorbild soll auch die digitale Schutzarchitektur von Brücken oder Tunneln lernfähig werden und Bedrohungen selbstständig abwehren. „In unserem digitalen Gegenstück übernehmen Sensoren, Diagnosemodule, digitale Bedrohungsmarker und Reaktionsspeicher vergleichbare funktionale Rollen“, erklärt Smarsly. 

Das Team am IDAC leistet damit weltweite Pionierarbeit: Bislang gab es für die Baubranche keine Referenzarchitektur, die die immunologische Funktionskette – von der Zelle bis zum Botenstoff – eins zu eins nachbildet und auf digitale Komponenten überträgt. Für Kosmas Dragos ist das System der nächste logische Schritt einer bereits bestehenden und bewährten Technologie: „Der Begriff der digitalen Immunisierung klingt zwar neu, aber die Technologie basiert auf der konsequenten Weiterentwicklung bereits real existierender Werkzeuge – wie den sogenannten digitalen Zwillingen.“ Ein solcher „digitaler Zwilling“ ist ein virtuelles Abbild des echten Bauwerks am Computer, das mit allen realen Sensordaten gefüttert wird und dessen Verhalten modellhaft abbildet. 

Erkennt das selbstschützende Bauwerk der Zukunft eine Bedrohung, startet eine abgestufte, automatisierte Schutzkette. Zuerst wird der verdächtige Sensorwert mit den Messdaten von Nachbarsensoren und dem erwarteten Strukturverhalten abgeglichen. Bestätigt sich der Verdacht, kann der betroffene Datenstrom oder der gehackte Netzwerkknoten dezentral isoliert werden. An dieser Stelle soll eine Art digitale Selbstheilung greifen. Ein rechnerisch erzeugter „virtueller Sensor“ ersetzt dann vorübergehend die Ausfälle, sodass das Monitoring weiter betrieben werden kann, bis der defekte Sensor ausgetauscht wurde. Möglich wird diese Selbstheilung durch physikbasierte Modelle. Da der Algorithmus die mechanischen Gesetzmäßigkeiten des Bauwerks berücksichtigt, kann er die fehlenden Messwerte modellbasiert rekonstruieren.

Portrait von Prof. Kay Smarsly
Foto: Bettina Engel-Albustin
Prof. Kay Smarsly
Portrait von Kosmas Dragos
Foto: TUHH/Hornburg
Kosmas Dragos

Gefahr durch „digitale Allergien“

„Unsere Vision ist ein Bauwerk, das nicht nur kontinuierlich fragt: ‚Wie geht es meiner Tragstruktur?‘, sondern zugleich: ‚Kann ich meinen Sensoren, meinen Daten und meinen digitalen Entscheidungen vertrauen?‘“, sagt Smarsly. Das Bauwerk der Zukunft ist demnach lernfähig und speichert Bedrohungsmuster in einer Art digitalen Gedächtnis. In Verbindung mit moderner Gebäudeautomation, Aktoren oder Robotik könnte das Bauwerk im Ernstfall sogar selbstständig erste Schutzmaßnahmen einleiten. Nach Smarslys Vorstellung würde die Struktur dann eigenständig eine vertiefte Messung veranlassen, einen Inspektionsroboter entsenden oder eine Brandschutztür schließen.

Nachdem die Störung behoben ist, soll das System die Schutzmaßnahmen eigenständig und kontrolliert zurückfahren, statt dauerhaft im Alarmzustand zu verbleiben. Gerade die letzte Funktion sei laut Smarsly wichtig: „Ein gutes Immunsystem muss nicht nur wissen, wann es reagieren soll, sondern auch, wann es wieder aufhören muss.“ Diese Funktion sei somit entscheidend, um „digitale Allergien“ oder Autoimmunreaktionen – wie dauerhafte Fehlalarme oder unnötige Sperrungen – zu vermeiden. Damit diese weitreichenden Entscheidungen transparent bleiben, forscht das IDAC intensiv an erklärbarer künstlicher Intelligenz. Entscheidend sei dabei das Stichwort „erklärbar“, so Smarsly: „Entscheidungen mit weitreichenden oder irreversiblen Folgen müssen nachvollziehbar, regelgebunden und durch verantwortliche Menschen übersteuerbar bleiben.“ 

Ein europäisches Zentrum für das Bauwerk der Zukunft 

Aus dem Verbundprojekt soll in Zukunft eine dauerhafte internationale Forschungsstruktur entstehen. Die Vision: die Gründung eines gemeinsamen International Center for Sustainable Digital and Autonomous Constructions (SDAC). Das SDAC soll aus der langjährigen Kooperation eine dauerhafte gemeinsame Institution machen. Forschung soll dann nicht mehr nur innerhalb einzelner Förderprojekte stattfinden, sondern über eine gemeinsame Agenda, kontinuierlichen Personalaustausch und dauerhaft verfügbare Forschungs- und Ausbildungsformate. Das IDAC bringt dafür seine Expertise in digitalen Modellen, KI, cyber-physischem Monitoring und dezentraler Datenverarbeitung ein. Die griechischen Partner steuern dagegen ihre jahrzehntelange Erfahrung in der Strukturmechanik und ihre Laborinfrastruktur bei. „Damit können digitale Verfahren unter realen mechanischen Bedingungen geprüft werden“, sagt Smarsly, „anstatt ausschließlich in einer Simulation zu funktionieren“. 

Dass diese Idee einer europäisch verzahnten Spitzenforschung längst kein reines Zukunftsszenario mehr ist, beweist die tägliche Praxis am Institut: Seit 2021 forscht Kosmas Dragos am IDAC von Griechenland aus an eingebetteten, physikbasierten Modellen für das drahtlose Monitoring – dem Kernthema seiner Dissertation. Diese Arbeiten bringt er heute in die deutsch-griechische DFG-Kooperation ein. An seiner Person zeigt sich, worauf das geplante Zentrum gründet: auf einem bereits heute lebendigen, grenzüberschreitenden Netzwerk. Dadurch wird das selbstschützende Bauwerk der Zukunft schon heute Schritt für Schritt Realität.