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10.07.2026

Nudging: Wie kleine Impulse große Wirkung entfalten

Antrittsvorlesung von Prof. Dr.-Ing. Nikola Bursac
Foto: Eva Häberle
Zahlreiche Gastredner und fast das gesamte TUHH-Präsidium begleiteten die Antrittsvorlesung von Prof Nikola Bursac (Mitte).

Nudging“ bedeutet etwa „Anstupsen“ und beschreibt einen Ansatz aus der Verhaltensforschung. Menschen werden dabei nicht durch Verbote oder Vorgaben zu einem bestimmten Verhalten gezwungen. Stattdessen helfen kleine, gezielt gesetzte Impulse dabei, Entscheidungen oder Handlungen auf subtile Weise in eine gewünschte Richtung zu lenken. Ein Beispiel ist die Organspende: Länder, in denen Bürgerinnen und Bürger standardmäßig als Organspender*innen registriert sind und sich aktiv dagegen entscheiden müssen, erreichen deutlich höhere Zustimmungsraten als Länder mit einer aktiven Zustimmungslösung. Das verdeutlicht, wie stark die Wahl einer Voreinstellung das Verhalten beeinflussen kann. Es ist nur eines der Beispiele aus der Antrittsvorlesung von Prof. Nikola Bursac zum Thema „Behavioral Methodics in der agilen Produktentwicklung: Wie durch Nudging kleine Impulse große Wirkung entfalten“.

Bursac beschrieb in seinem Vortrag, wie sich der Effekt nutzen lässt. Im wissenschaftlichen Kontext würde man davon ausgehen, dass Ingenieure analytisch denken und handeln. Es zeigt sich aber, dass es zu besseren Ergebnissen führt, wenn in Produktentwicklungsteams Probleme oder Bedenken gezielt angesprochen werden. Wenige, gezielte „Nudges“ können dazu beitragen, die Erfüllungsquote von Zielen zu steigern und die Kommunikation in Entwicklungsteams nachhaltig zu verbessern.

Intelligente Methoden für die Produktentwicklung von morgen

Mit seinem Forschungsansatz setzte Bursac zugleich die Schwerpunkte des von ihm geleiteten ISEM-Instituts für Smarte Entwicklung und Maschinenelemente der Technischen Universität Hamburg (TUHH). Er betonte in seinem Vortrag dabei den Wert von interdisziplinärer Zusammenarbeit, praxisnaher Forschung sowie einer offenen Lern- und Fehlerkultur: „Am ISEM stellen wir den Menschen in den Mittelpunkt der Produktentwicklung. Denn die besten Technologien entstehen durch neugierige, motivierte Menschen, die technologische Zusammenhänge verstehen, kreativ denken und gemeinsam Lösungen entwickeln. Nudging zeigt, dass oft schon kleine Impulse ausreichen, um große Veränderungen anzustoßen. Genau dieses Zusammenspiel von Technologie und menschlichem Verhalten wollen wir am ISEM weiter erforschen und in die industrielle Praxis übertragen,“ sagte Nikola Bursac.

Komplexe Systeme menschenorientiert gestalten

Die Antrittsvorlesung wurde moderiert von Prof. Dieter Krause (TUHH) und umrahmt von Gästen aus Wissenschaft, Wirtschaft und persönlichen Wegbegleitenden. Den Auftakt bildete das Grußwort von Prof. Kristin Paetzold-Byhain, Präsidentin der Design Society. Sie würdigte Bursacs internationale wissenschaftliche Vernetzung und die Mitorganisation der ICED Konferenz in 2027. Der Präsident der TU Hamburg, Prof. Andreas Timm-Giel, hob die Bedeutung von Bursacs Forschung für das Profil der Universität hervor. Anschließend ordnete Prof. Roland Lachmayer, Geschäftsführer der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Produktentwicklung Bursacs Arbeit in die Weiterentwicklung der Produktentwicklung ein. Persönliche Einblicke gab schließlich sein Doktorvater, Prof. Albert Albers vom IPEK am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), der den Werdegang seines ehemaligen Doktoranden nachzeichnete.

Einen praxisnahen Impuls setzte schließlich noch Clemens Birk vom Werkzeugmaschinenbaukonzern Trumpf mit seinem Vortrag „Agile Führung in herausfordernden Zeiten: Wie zehn Jahre Notfallrettung mein Handeln prägen“. Auch Bursac war vor seiner Zeit an der TU Hamburg in verschiedenen Führungspositionen bei Trumpf tätig und verantwortete dort unter anderem den Bereich „Model Based Design“ sowie Forschungsprojekte zur menschenorientierten Gestaltung komplexer Systeme. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann er am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), wo er Maschinenbau studierte und promovierte. Für seine Leistungen in Forschung und Lehre erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Hamburger Lehrpreis 2025. Darüber hinaus engagiert er sich als Vorsitzender des VDI-Fachbeirats „Produktentwicklung und Projektmanagement“ sowie des VDI-Landesverbands Hamburg. 

Künftig werden Prof. Bursac und sein Team ihre Forschung zur agilen Produktentwicklung im neuen Agile Design Lab (ADL) ausweiten können. Und sie gleichzeitig mit Methoden, wie Feldexperimenten, Beobachtungen und kausalanalytischen Designs des Instituts für Organisational Design und Collaboration Engineering (ODCE) von Prof. Tim Schweisfurth zusammenführen. Gemeinsam entstehen Erkenntnisse, die sonst weder im Ingenieurlab, noch in einem Wirtschaftslabor allein möglich wären. Das ADL wurde im Anschluss an die Vorlesung im Palmspeicher im Harburger Binnenhafen eröffnet.

Mehr Informationen: https://www.tuhh.de/isem/willkommen