Sie richten sich nicht nach Karriereplänen, und auch Projektfristen sind ihnen egal. Pflegebedarfe tauchen urplötzlich auf und stellen die Leben der Beteiligten auf den Kopf. Auch gesellschaftlich ist die Relevanz des Themas spürbar. Laut dem Statistischen Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein werden über die Hälfte aller Pflegebedürftigen ausschließlich von ihren Angehörigen zu Hause versorgt. Mit weitreichenden Folgen: Aktuellen Erhebungen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) zufolge müssen 45 Prozent aller pflegenden Angehörigen ihre Erwerbstätigkeit aufgrund der zusätzlichen Belastung reduzieren.
Wie lassen sich Job und Pflege also besser miteinander vereinbaren? Wo brauchen Mitarbeitende Entlastung? Und welche Rolle kann dabei die Universität als Arbeitgeberin spielen? Um diese Fragen drehte sich nun ein Workshop an der TU Hamburg. Unter dem Motto „Vereinbarkeit von Beruf und Familie aus Pflegesicht“ diskutierten Mitarbeitende in Pflegeverantwortung dort praxisnahe Lösungsvorschläge.
Die TUHH wird damit Teil des geförderten Modellprojekts CareNet Hamburg, an dem auch die Behörde für Schule und Berufsbildung (BSFB), die Techniker Krankenkasse und die ERGO Versicherung teilnehmen. Ziel des gemeinsamen, trägerübergreifenden Projekts ist der Aufbau organisationsinterner Netzwerke. Dadurch sollen Impulse für eine pflegesensible Arbeitskultur im Hamburger Raum gesetzt werden.
„Care-Arbeit ist manchmal komplexer als jede Anlagenmodellierung“
Organisiert wurde der Workshop von Heike Emdal vom Familienbüro der TUHH. „Ich freue mich, dass wir heute gemeinsam den berühmten Elefanten im Raum namens Pflege nicht nur sichtbar machen, sondern ihm auch die Anerkennung geben, die er verdient“, sagte Emdal zur Begrüßung. Dabei ging sie auch auf ihre eigene Situation ein: „Als pflegende Angehörige weiß ich selbst, wie viel Kraft, Organisationstalent und manchmal auch Improvisationskunst hinter diesem Thema steckt.“ Das geben auch die Zahlen wieder: Fast zwei Drittel der Hauptpflegepersonen sind laut einer repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag des WIdO jeden Tag fest in die Versorgung eingebunden.
Unterstützt wird das Vorhaben unter anderem von Prof. Dr. Kerstin Kuchta, Leiterin des Institute of Circular Resource Engineering and Management. Die Schirmherrin des Projekts fand in ihrem Grußwort klare Worte für dessen strategische Bedeutung: „Als Ingenieurin und langjähriges Mitglied der TU Hamburg habe ich gelernt, dass wir oftmals dazu neigen, mehr von Technologie und weniger voneinander zu erwarten – ein fataler Fehler. Vereinbarkeit ist kein ‚Nice-to-have‘, sondern ein zentraler Bestandteil einer innovativen, leistungsfähigen und menschlichen Lehr- und Forschungseinrichtung. Vielleicht ist Care-Arbeit manchmal komplexer als jede Anlagenmodellierung.“
Konkrete Lösungsansätze aus der Praxis
Moderiert wurde die Veranstaltung von Volker Baisch und Tara Luisa de Pinho vom Projektteam CareNet Hamburg. Gemeinsam mit den Mitarbeitenden nutzten sie den Rahmen für eine offene Bestandsaufnahme der persönlichen Situationen. Anschließend teilten sich die Teilnehmenden in zwei Arbeitsgruppen auf, um konkrete Vorschläge, etwa zu flexiblen Arbeitszeitregelungen, an die Universität als Arbeitgeberin zu formulieren. Auf Basis dieser gesammelten Ideen und Wünsche entwickelt das Team von CareNet Hamburg in enger Abstimmung mit Heike Emdal eine konkrete, langfristige Strategie für das Pflegenetzwerk der TUHH. Die Zielklärung und Ausrichtung wird bei einem ersten Strategiemeeting am 26. August erfolgen. Das Meeting ist allen TUHH-Mitarbeitenden zugänglich. Das erste Treffen des neu geschaffenen Pflegenetzwerks ist für Oktober geplant.
Träger von CareNet Hamburg sind die KWB Koordinierungsstelle Weiterbildung und Beschäftigung e. V. sowie die Väter PAL gGmbH. Das Projekt wird im Rahmen des Programms PROFI Impuls #UpdateHamburg durch die Hamburgische Investitions- und Förderbank (IFB Hamburg) gefördert.