27.10.2026

Aus dem Seminar ins Europäische Parlament

TUHH-Studierende gewinnen die IP4OS Open Innovation Challenge und präsentieren ihren Prototyp ReuseReady in Brüssel
Foto: TUHH
Niharika Kiran, Dr. Jonas Bozenhard, Jesvin Varghese und Praveen Megharaj vertreten die TU Hamburg beim IP4OS Summit in Brüssel

Ein Team der Technischen Universität Hamburg (TUHH) hat die europäische IP4OS Open Innovation Challenge gewonnen. In Brüssel stellten die Studierenden und ihr Dozent Dr. Jonas Bozenhard vom Institute for Ethics in Technology nun ihren Prototyp „ReuseReady“ vor. Das Werkzeug unterstützt Forschende bei der Frage, ob und unter welchen Bedingungen offene Datensätze für das Training von KI-Modellen genutzt werden dürfen.

Für die Data-Science-Studierenden Niharika Kiran, Praveen Megharaj und Jesvin Varghese war der Auftritt in Brüssel ein besonderer Erfolg. Gastgeber des Summits war das Brüsseler Büro des Consejo Superior de Investigaciones Científicas (CSIC), der staatlichen spanischen Forschungsorganisation. In der Session „From Principles to Practice“ präsentierte das TUHH-Team ReuseReady, neben Beiträgen der Universität Luxemburg und der IE University Madrid.

Offen heißt nicht automatisch frei

Doch was genau kann ReuseReady? Ein typischer Fall: Eine Doktorandin stößt auf einen offenen Datensatz, mit dem sie ihr KI-Modell trainieren möchte. Ob das sicher, rechtmäßig und verantwortungsvoll möglich ist, lässt sich oft nur schwer beurteilen. Denn für viele Datensätze gelten Lizenzen und Nutzungsbedingungen, die ihre Verwendung einschränken. Hier setzt ReuseReady an. Nutzende geben den Link oder die dauerhafte digitale Kennung des Datensatzes, den sogenannten DOI, in den Prototyp ein und beschreiben ihr geplantes KI-Projekt. Das System prüft daraufhin Lizenz- und Nutzungsbedingungen, die Wiederverwendbarkeit der Daten sowie ihre Eignung für das KI-Training, die sogenannte AI Readiness. Außerdem gleicht es den Datensatz mit den FAIR-Prinzipien ab. Das heißt: Es bewertet, ob die Daten auffindbar, zugänglich, mit anderen Daten und Systemen kombinierbar und wiederverwendbar sind.

Nutzende erhalten eine Risikoeinschätzung mit Erläuterungen zu den einzelnen Risiken. Dazu kommen Hinweise, was noch zu prüfen ist, und Empfehlungen für die nächsten Schritte. Auch für die eigenen Ergebnisse, die bei der Arbeit mit den Daten entstehen, zeigt ReuseReady Lizenzierungsoptionen auf. Dabei folgt das Werkzeug einem klaren Prinzip: Die KI informiert, gibt Orientierung und zeigt Handlungsoptionen samt ihren Folgen auf. Die finale Entscheidung trifft aber der Mensch. „Mit ReuseReady wollen wir zeigen, wie aus dieser Agenda praktische Werkzeuge werden“, erklärt Megharaj. „Werkzeuge, mit denen Forschende Wissen verantwortungsvoll und sicher wiederverwenden können.“

Auf der Bühne in Brüssel

Am Nachmittag ging es für das Team weiter ins Europäische Parlament. Beim Workshop des Gremiums für Technikfolgenabschätzung (STOA) diskutierten dort unter anderem Europaabgeordnete und internationale Rechtsexpert*innen über die Zukunft des geistigen Eigentums im Zeitalter von Open Science und KI. „Der Summit hat gezeigt, dass Open Science, KI und geistiges Eigentum längst keine getrennten Debatten mehr sind“, sagt Praveen Megharaj. „Sie bilden eine gemeinsame Agenda für Innovation in Europa.“

„Wir konnten von Expert*innen lernen, Ideen austauschen und uns an Gesprächen über die Zukunft von Open Science, KI und Innovation in Europa beteiligen“, sagt Niharika Kiran. „Dass wir dabei ReuseReady vorstellen durften, hat die Erfahrung noch bedeutsamer gemacht. So konnten wir zeigen, wie sich diese Ideen in praktische Lösungen übersetzen lassen.“

Vom Seminar zum Prototyp

Den Weg nach Brüssel ebnete die Open Innovation Challenge des EU-Projekts IP4OS. Das Projekt untersucht, wie sich der Schutz geistigen Eigentums und offene Wissenschaft gegenseitig stärken können. Gesucht waren Ideen, die Künstliche Intelligenz, Open Science und den Umgang mit Schutzrechten zusammenbringen. Für die Teilnahme am Wettbewerb genügte ein überzeugendes Konzept, ein fertiges Produkt war noch nicht erforderlich. Das TUHH-Team ging einen Schritt weiter und legte einen funktionierenden Prototyp vor.

Die Geschichte von ReuseReady beginnt jedoch früher, im Masterseminar „Ethical Innovation and AI“, das von Bozenhard entwickelt und geleitet wurde. „In diesem praxisnahen Kurs haben meine Studierenden innovative Lösungen für Herausforderungen entwickelt, die durch generative KI entstehen“, sagt Bozenhard. „Hier sind die ersten Ideen entstanden, aus denen später ReuseReady wurde.“ Im Rahmen des Seminars präsentierten die teilnehmenden Studierenden ihre Lösungsansätze auf der International Conference on Ethics Education in Amsterdam. Kiran, Megharaj und Varghese stellten hier ihren „Ethical Analyser“ vor, eine Browser-Erweiterung, die KI-Antworten auf ihre Glaubwürdigkeit prüft. Expert*innen vor Ort empfahlen, den Ansatz auf den Schutz geistigen Eigentums zu übertragen. Das Team nahm die Anregung auf und baute seine Idee mit der Unterstützung von Bozenhard grundlegend um.

Für Bozenhard ist der Erfolg in Brüssel vor allem auch ein Verdienst seiner Studierenden. „Es war großartig zu sehen, dass Ideen aus meinem Seminar über den Hörsaal hinaus Wirkung entfalten“, sagt er. „Ich bin unglaublich stolz auf meine Studierenden, auf ihre hervorragende Arbeit und auf den Mut, bei einer so hochkarätigen Veranstaltung zu sprechen.“