22.10.2026

Wellen, Kunst und Schwingungstechnik

Wie eine TUHH-Dozentin den Teppich von Bayeux verpackt hat
Foto: Wikimedia Commons
Der Teppich von Bayeux ist derzeit im British Museum in London ausgestellt. Er ist knapp 70 Meter lang und fast 1000 Jahre alt

Ihr Lachen ist ansteckend. Und wer Kerstin Kracht zuhört, könnte zunächst den Eindruck gewinnen, dass Kunstwerke für die Ingenieurin nur Mittel zum Zweck sind. Dieser erste Eindruck trügt, denn wer genauer hinhört, erkennt die Passion dahinter: Schwingungen und Wellen sind ihr Metier, doch der Schutz von Kunstwerken und Kulturobjekten liegt ihr ebenso am Herzen. Genauer gesagt: Sie sorgt dafür, dass Vibrationen und Erschütterungen Artefakte nicht beschädigen. Dafür entwickelt sie maßgeschneiderte Transportlösungen.

Ein besonders anspruchsvoller Fall war der Teppich von Bayeux. Das knapp 1.000 Jahre alte, bestickte Textil erzählt auf rund 68 Metern die Geschichte von Wilhelm dem Eroberer, der 1066 den Ärmelkanal überquerte und den englischen König Harold II. in der Schlacht von Hastings besiegte. Der Teppich wurde bislang im französischen Bayeux ausgestellt und ist seit 2007 im internationalen Register „Memory of the World“ (Weltdokumentenerbe) eingetragen. Seit September ist er nun im British Museum in London zu sehen. Jahrzehntelang galt ein Transport als kaum vorstellbar: Zu fragil war das mittelalterliche Textil, zu groß die Sorge, dass weitere Risse und Löcher entstehen könnten. Bis Dr. Kerstin Kracht von dem niederländischen Kunstspedition Hizkia angesprochen wurde, gemeinsam eine schwingungsoptimierte Transportkiste für diesen Fall zu entwickeln.

Seit 2004 beschäftigt sich die Ingenieurin mit mechanischen Schwingungen von Kunstwerken, seit 2017 zusätzlich mit der Entwicklung von schwingungsoptimierten Transportkisten für Kunstobjekte. Seit dieser Zeit besteht bereits die fruchtbare Zusammenarbeit mit Hizkia. Meistens sind es hochsensible Gemälde, die Kracht untersucht und die mit ihrer Hilfe auf Reisen geschickt werden können. Beispiele sind Piet Mondrians Triptych „Evolution“ oder van Gogh‘s „Weizenfeld mit Krähen“ sowie „Weizenfeld unter Gewitterwolken“, die aus den Niederlanden nach Paris reisten. Um den Fokus nicht zu verlieren, sind diese Optimierungsaufgaben für Kracht vor allem ingenieurwissenschaftliche. Aus Holzkisten, Metallrahmen und großen Federn entwickelt sie für jedes Werk eine Art schützende Reiseumgebung. „Vor einigen Jahrzehnten hätte man ein Kunstwerk wie den Teppich von Bayeux nicht so sicher wie heute transportieren können“, sagt Kracht. „Durch die Entwicklung von Technik und Engineering ist das jetzt möglich.“

Von Monsterwellen und Gemälden

Kracht hat Physikalische Ingenieurwissenschaften an der TU Berlin studiert, wurde dort promoviert und habilitiert. Einer ihrer Gutachter war Prof. Norbert Hoffmann von der TU Hamburg. So lernten sich die beiden Schwingungsexperten 2014 kennen. Heute ist Kracht auch als freiberufliche Ingenieurin tätig und bietet ihre schwingungstechnische Expertise für Kunsttransporte an. In diesem Jahr führte ihr Weg sie erneut zu Prof. Hoffmann. Dieses Mal an die TU Hamburg und sein Institut für Strukturdynamik. Dessen Forschungsgebiet klingt auf den ersten Blick weit entfernt von empfindlichen Leinwänden und mittelalterlichen Textilien: Hoffmann beschäftigt sich unter anderem mit sogenannten Monsterwellen und rekonstruiert mithilfe von Machine Learning die Wellen ganzer Ozeane.

Wie passt das zu Kunstwerken? „Sehr gut“, sagt Kracht und lacht. „Monsterwellen findet man letztlich auch auf Gemälden. Nur konnte man sie bisher in diesen sehr speziellen Festkörpern noch nicht berechnen.“ Wellen sind die Ursache für Schwingungen und „mein Ziel ist es, die Körper – in diesem Fall Gemälde – vor Schwingungen zu schützen. Dazu ist die mathematische Modellierung essenziell. Je genauer, desto besser“

Das notwendige Know-how hat Kracht nicht nur am Schreibtisch erworben. Ein großer Teil ihrer Forschung findet direkt an den Kunstwerken statt. Fast ein halbes Jahr verbrachte sie beispielsweise im Amsterdamer Rijksmuseum. Dort untersuchte sie mit einem eigens konstruierten Gemäldeprüfstand das Schwingungsverhalten von Rembrandts „Nachtwache“. Hin und her, hoch und runter – rund eine Million Messpunkte wurden von ihr auf dem etwa 3,80 mal 4,50 Meter großen Gemälde erfasst. Mit ihrem Prüfstand kann sie die Bewegungen einer Leinwand präzise erfassen. Kracht spricht von einem regelrechten „Flattern“ der Bilder. Die Bewegungen liegen zwar nur im kleinen Millimeterbereich – für die empfindliche Struktur eines Kunstwerks können sie dennoch relevant sein.

Mit diesen Messungen wird ein ernstes Ziel verfolgt: Kracht möchte besser verstehen, wie Gemälde altern – und welche Rolle mechanische Belastungen dabei spielen. Die vielen Messwerte bilden die Grundlage für Modelle, mit denen sich die Eigenschaften unterschiedlicher Kunstwerke beschreiben und miteinander vergleichen lassen.

Dieses Wissen möchte Kracht nun auch an der TU Hamburg weitergeben. Zum Wintersemester bietet sie eine hybride Lehrveranstaltung zum Thema „Mechanische Schwingungen von Kunstwerken und Kulturobjekten“ an. Thematisiert wird in dem interdisziplinären Seminar beispielsweise die Konstruktion schwingungsisolierter Sockel, so wie jener, auf dem die Büste der Nofretete im Neuen Museum in Berlin präsentiert wird. Da an dieser Lehrveranstaltung Studierende des Ingenieurwesens, der Kunsttechnologie, Kunstgeschichte und Restaurierung teilnehmen, werden auch Themen wie die Ethik des Kunsttransportes, restauratorische Maßnahmen sowie Methoden der präventiven Konservierung behandelt. 

Der Teppich von Bayeux: Ingenieurarbeit unter Unsicherheit

Und wie transportiert man nun ein fast 1.000 Jahre altes Textil, das über Jahrzehnte als zu fragil für einen Transport galt? Als Reaktion auf die Frage „Man rollt ihn wohl nicht einfach auf?“ schüttelt Kracht amüsiert den Kopf. „Nein, der Teppich, der genaugenommen eine Stickerei ist, wurde auf einer Art Paravent gefaltet gelagert. „Mehr als eine technische Zeichnung und das Gewicht des Gesamtpaketes bekam ich dieses Mal für meine Berechnungen nicht“, sagt sie. Für die Ingenieurin war das eine ungewöhnliche Ausgangssituation. Normalerweise arbeitet sie mit detaillierten Messdaten der Kunstwerke. Beim Teppich von Bayeux musste sie vieles abschätzen. Also rechnete sie mit dem fragilsten möglichen Fall und entwickelte eine besonders weiche Lagerung. 

Die grundlegenden Parameter meiner Arbeit sind stets: „Masse, Steifigkeit, Dämpfung und die Natur des Kunstwerkes – darauf kommt es an.“ Diese Größen bestimmen die Konstruktion einer Transportkiste. In der Regel liegt das Kunstwerk dabei in einer Holzkiste und bestenfalls in einer Kiste mit versteiften Wänden aus Kompositmaterialien und integrierter Klimabarriere. Die Kiste selbst steckt zum Beispiel in einem Aluminiumrahmen und ist über zahlreiche Drahtseilfedern – sogenannte Wire Rope Isolators – vom äußeren System entkoppelt.

Eine maßgeschneiderte Lösung

Für den Teppich von Bayeux entwickelte Kracht gemeinsam mit Hizkia eine maßgeschneiderte Lösung. Der gefaltete Teppich wurde in einer klimastabilen Transportkiste untergebracht. Diese wiederum war mithilfe von Drahtseil-Isolatoren in einem Metallkäfig aufgehängt. Ziel war es, Stöße und Vibrationen während des gesamten Transports so weit wie möglich zu vermeiden. Und so nahm die Kiste immer größere Ausmaße an, bis man ihr nicht mehr ansehen konnte, was ihr Inneres barg.

Bei aller technischen Präzision versucht Kracht, die emotionale Dimension ihrer Arbeit auszublenden. Schließlich geht es nicht selten um Kunstwerke von unschätzbarem kulturellem und finanziellem Wert. „Ich muss mir immer vergegenwärtigen, dass es sich um ein ganz normales Projekt handelt und nicht um Millionenwerte.“ Vielleicht erklärt das auch ihre bemerkenswerte Nüchternheit, wenn sie über die Werke spricht. Mondrians und Van Goghs werden bei ihr zu Objekten mit bestimmten Materialeigenschaften, deren Masse, Steifigkeit und Dämpfung analysiert werden müssen. Dann wird Kunst zu Ingenieurwissenschaft – aber nur für die Momente der Analyse, Berechnung und Entwicklung von technischen Lösungen. In allen Übrigen ist die Kunst für Kerstin Kracht eine höhere Form des Seins, was sicherlich auch die Quelle ihrer Leidenschaft für die Thematik ist.

Der Moment der Wahrheit

Bevor der Teppich von Bayeux tatsächlich die Reise nach London antreten durfte, wurde der Transport zunächst mit einem Faksimile getestet. Die Probeläufe folgten einem festgelegten Protokoll. Erst nachdem die Konstruktion die Tests bestanden hatte, machte sich der Lkw mit dem Original auf den Weg durch den Eurotunnel nach London.

„Solche Dry Runs sind normal. Ich war mir sehr sicher, dass alles glatt gehen wird“, sagt Kracht selbstbewusst. Nach der Ankunft war allerdings noch Geduld gefragt. Eine Woche lang musste sich der Teppich akklimatisieren, bevor die Transportkiste geöffnet werden konnte. Erst danach wurde das empfindliche Textil ausgepackt. Nun ist der Teppich von Bayeux bis Juli 2027 im British Museum zu sehen.

Und Kracht? Sie hat mit ihrer Arbeit nicht nur dazu beigetragen, dass ein mittelalterliches Kulturerbe sicher von Frankreich nach Großbritannien gelangt ist. Ihr ungewöhnlicher Job hat es sogar in eine der renommiertesten Zeitschriften der Welt geschafft: den „New Yorker“. Ihr Lachen ist jetzt nur angedeutet. Denn Kerstin Kracht ist dankbar dafür in diesen Artikel Erwähnung gefunden zu haben und sogar zitiert worden zu sein. Auf diese Tatsache ist sie auch stolz. Das merkt man ihr an. 

Im Wintersemester 2026/27 bietet Frau Dr. Kracht die Lehrveranstaltung „Mechanische Schwingungen von Kunstwerken und Kulturobjekten“ auch für Studierende der TU Hamburg an. Bei Interesse melden Sie sich bitte direkt bei ihr unter kerstin.kracht(at)tuhh.de an.