Die virtuelle Universität

Kritischer Rückblick auf die Ringvorlesung "Wissensmarkt Internet"

Da sich die Hochschule nicht frühzeitig genug mit den bevorstehenden revolutionären Umwälzungen durch Multimedia befassen kann, diskutierten Vertreter aus Politik und Praxis auf Einladung von PD Dr. Christel Kumbruck und Prof. Dr. Wolfgang Kersten die Frage „Die virtuelle Universität – Chance oder Endstation der Universität?”

Die Beziehungsebene der Kommunikation zu berücksichtigen, dafür plädiert die Staatsrätin der Behörde für Wissenschaft und Forschung, Prof. Dr. Marlis Dürkop. Für ein virtuelles Studium müssen Studenten nach Meinung von Prof. Ottmann, Institut für Informatik der Universität Freiburg und Leiter des Landesverbundprojektes der Universitäten Heidelberg, Karlsruhe, Mannheim und Freiburg, über ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Medienkompetenz verfügen; denn die hohen Abbruchraten der Fernuniversität Hagen zeigen, daß viele Studierende durch ein Fernstudium bzw. ein virtuelles Studium ohne feste Zeiten und Vorlesungstermine überfordert sind. Jens-Peter Schulz, Student Wirtschaftsingenieurwesen an der TUHH, und Prof. Dürkop sehen die Gefahr der Isolation auf den einzelnen Studenten zukommen. Neben dem Aufbau sozialer Kontakte sei die Persönlichkeitsentwicklung der Studenten, z.B. durch Seminarvorträge und Teamarbeit, als wesentliches Element des Studiums an einer virtuellen Universität nur eingeschränkt möglich. Kontrovers diskutiert wurde die Aussage des ehemaligen Präsidenten der TUHH, Prof. Dr. Hauke Trinks, nur die Präsenzuniversitäten seien ein Hort freien Denkens. Prof. Schlageter vom Fachbereich Informatik der Fernuniversität Hagen hielt dem entgegen, dass im Internet sehr wohl intensiv gedacht werde, dass Studenten und Wissenschaftler – unabhängig von ihrem universitären Hintergrund – aktiv miteinander diskutierten. Durch das Medium Internet werde es überhaupt erst möglich, über den Tellerrand zu schauen und den Studenten den Blick zu öffnen, dass dasselbe Thema an einer anderen Fakultät zum Teil mit anderen Augen gesehen wird.

Den Studierenden, die sich ihre Ausbildung selbst finanzieren müssen, erleichtert die virtuelle Universität eine Hochschulausbildung. Allerdings ist im Gegenzug mit einer abnehmenden Anzahl an Vollzeitstudenten zu rechnen. Weitere Vorteile für Prof. Ottmann sind die gut aufbereiteten und dokumentierten Vorlesungen und die Wahlmöglichkeiten, die die Studenten bei der virtuellen Lehre zwischen den Angeboten verschiedener Professoren haben. Hinzu kommt nach Auffassung von Prof. Schlageter neben der freien Zeiteinteilung, in der die Vorlesungen abgerufen werden können, die Möglichkeit, das lebenslange, individuelle Lernen konkret zu realisieren. Der langjährige Innensenator in Berlin, Prof. Dr. Heckelmann von der Unternehmensberatung Arthur D. Little, sieht zusätzliche strukturpolitische Vorteile der Lehre und des Studiums via Internet darin, dass Vorlesungsangebote überregional transparenter werden und sich nur die jeweils besten am Markt behaupten.

Lehre ohne Forschung?

Doch Prof. Heckelmann sieht ebenso Nachteile einer virtuellen Universität: So kann das Internet das herkömmliche Lernen – nämlich Skriptenstudium mit Anwendungsbeispielen in den Vorlesungen und Laborversuche – nicht ersetzen. Zudem besteht die Gefahr, daß Forschung und Lehre zu stark entkoppelt werden. Prof. Kersten wies auf die Gefahr hin, daß Professoren in der virtuellen Universität in einen doppelten Elfenbeinturm geraten, wenn sie nicht bewußt den Kontakt zu den Studenten und zur Praxis suchen.

Generell gilt es, die bestehenden Bildungssysteme für die Anforderungen von „außen” fit zu machen, für die sie laut Prof. Schlageter noch nicht fit sind: So müssen Lehrinhalte bedarfsgerechter transportiert werden, damit eine direkte Anwendung im Job möglich ist. Nach Meinung von Dr. Lange, Generalsekretär der Hochschulrektorenkonferenz, müssen die Universitäten eigene Profile entwickeln (mehr Individualität) und mehr Interdisziplinarität zulassen, da neue Entwicklungen in der Regel an Rändern bzw. Schnittstellen der Fachgebiete entstehen. Neben mehr Internationalität in Form von Austauschprogrammen für Lehrende und für die Administration fordert er eine Dualität von multimedialen Lehrangeboten und Wissensvermittlung vor Ort. Prof. Ottmann forderte ergänzend, daß Prüfungen, die bei unterschiedlichen Kollegen absolviert werden, untereinander anerkannt werden. Auch wenn eine rein virtuelle Universität keine Zukunft habe, müssten sich die deutschen Universitäten und ihre Professoren allerdings stärker mit dem Medium Internet auseinandersetzen, da sie sonst Gefahr laufen, selbst ins Abseits zu geraten. Einigkeit bestand bei den Diskussionsteilnehmern darüber, daß das Internet neue Möglichkeiten zur Profilierung biete und die Lehre demzufolge in Zukunft noch wettbewerbsintensiver wird. Die Universitäten müßten sich nach amerikanischem Vorbild vermehrt um die Betreuung der Studenten kümmern sowie um die Vermittlung von social skills.

Einen zusammenfassenden Überblick der gesamten Ringvorlesung „Wissensmarkt Internet” liefert ein Sonderheft der „Harburger Beiträge zur Psychologie und Soziologie der Arbeit”.

PD Dr. Christel Kumbruck, Diplom-Psychologin
Arbeitsbereich Arbeitswissenschaft 1-08/1
Tel.: 040 / 42878- 3445
www.tuhh.de/aw1

Prof. Dr. Wolfgang Kersten
Arbeitsbereich Produktionswirtschaft 5-11
Tel.: 040 / 42878- 3525
www.tuhh.de/prw