Noch nicht alles im Trockenen

Stand des Fließgewässerschutzes in Norddeutschland

Der seit gut 20 Jahren intensiv vorangetriebene Klärwerksausbau mit zunehmender Anwendung der weitergehenden Abwasserreinigung hat in vielen Gewässern verbesserte Wasserqualität herbeigeführt. Wenn man einem früheren Hamburger Umweltsenator folgen will, der regelhaft das Wort „Ökochonder” für weitere Verbesserungen im Umweltschutz Fordernde in die Presse lanzierte, wären Ziele wohl weitgehend erreicht. Künftige Generationen von Ingenieuren, Technikern und Naturwissenschaftlern hätten womöglich kaum etwas zu tun? – In der Tat spiegeln Veröffentlichungen die durch technischen Umweltschutz erreichten Erfolge. Gleichzeitig zeigen sie aber Handlungsnotwendigkeiten auf, die sich insbesondere an immer neuen Stoffgruppen und an der bisher nicht erreichten Produktivität der Fließgewässer festmachen.

Gewässergüte heute

Üblicherweise wird Gewässergüte bisher mit dem sogenannten Saprobiensystem beschrieben. Die grobe Kenntnis ökologischer Ansprüche von Lebewesen in Fließgewässern, gekoppelt mit der Bildung eines gewogenen Mittels aus dem Vorkommen der Arten an einer Probestelle läßt einen Zahlenwert analog einer Schulnote errechnen. Die Gewässergütekarten des Bundes und der Länder geben regelmäßig den Sachstand bekannt.

Wie steht es nun mit einem Soll-/Ist-Vergleich? Generell vorgegeben ist die Zielformulierung einer Gewässermindestqualität „mäßig belastet” (Güteklasse II). Abbildung 1 stellt die Situation im Bezirk Wandsbek dar. Die für die Auswertung zugrundegelegten Gewässerstrecken entsprechen ca. 1/3 des Fließgewässernetzes im Bezirk. Folgende Schwerpunktaussagen lassen sich treffen.

  • Die schlechtesten Bereiche (Güteklasse III-IV und IV) existieren nicht mehr.
  • Die schlechte Klasse III scheint sich tendenziell gegen Null zu bewegen.
  • Der Anteil der Gewässergüteklasse II (Ziel) hat sich etwa vervierfacht.
  • Die Übergangsklasse II-III dominiert nach wie vor das Bild.

Offenbar sind akute Abwassereinflüsse der Vergangenheit weitgehend zurückgedrängt und andere Faktoren bestimmen das heutige Bild. Nach wie vor entsprechen ca. 60 % der Gewässerstrecken nicht der Zielqualität. Diese Größenordnung steht in Übereinstimmung mit den auf der internationalen Konferenz „River Restoration ´96” mitgeteilten Daten. Neben chronischen Verschmutzungen scheint vor allem die schlechte Struktur der Fließgewässer für das Verharren der meisten Strecken verantwortlich zu sein. Das Fehlen der natürlich vorkommenden Vielfalt von Kleinlebensräumen (flache/tiefe Stellen, Wurzeln, Steine, Kies, Totholz) und die hydraulischen Stöße in den kanalartigen Strecken bei Niederschlägen sind hier vor allem zu nennen.


Abb.3: Zerstören und Restrukturieren am Beispiel eines Heidebach-Querschnitts

Was ist das Ziel?

Die Geestbäche des norddeutschen Tieflandes mit ihrem eiszeitgeprägten Geländegefälle und ihrer durch Quellzutritte gekennzeichneten Wasserführung und Temperatur gehören von Natur aus dem Lebensraumtyp „Forellen-/Äschenregion” an. Ihre natürliche Charakteristik mit steiniger Gewässersohle, kurvenreichem Fließen (Mäander) mit kurzfristig wechselnden Breiten und Tiefen (Rausch/Kolk, „pool-riffle-sequence”) und Ufergehölzen des Erlenbruchwaldes ist allerdings durch Gewässerausbau insbesondere in den letzten 100 Jahren weitgehend überprägt worden. Die harte Gewässerunterhaltung der jüngsten Jahrzehnte hat ihre Spuren bis in die Quellbereiche der „1st order streams” (Abb. 2) hinterlassen. Gerade diese „Kinderstuben” der größeren Fließgewässer mit ihren landschaftsgliedernden großen Streckenlängen (Tab. 1) sind es aber, die u.a. aufgrund ihrer hohen Produktivität den Wert des gesamten Einzugsgebietes maßgeblich beeinflussen. Leider werden sie im Rechtsgebrauch als „Gewässer III. Ordnung” scheinbar abqualifiziert. Dies hat zur Folge, daß Entscheidungen bis heute zu Lasten ihrer Lebensgemeinschaften getroffen werden. Dementsprechend füllen die hier heimischen kiesbewohnenden und in Kiesflächen ablaichenden Arten die Roten Listen.

Eine wesentliche Grundlage künftigen Fließgewässerschutzes muß also die Verinnerlichung des rechtlich geltenden Gebotes „flächendeckender Gewässerschutz” sein. Dann wird sich der Erfolg an den hier ortstypischen Indikatoren, den Organismen der Forellen-/Äschenregion, messen lassen.

Wie sind die Ziele zu erreichen?

Nachdem die in den 80-er Jahren für viel Geld pro laufenden Meter gebaggerten Mäander zwar schön aussehen, oft aber nicht den erhofften Arten- und Individuenreichtum zurückbrachten, die falsch im Niedrig- und Mittelwasserbett angelegten „Aufweitungen” dem Fließgewässer weitere Kräfte nahmen, besann man sich in jüngerer Zeit auf ein neues Vorgehen: „Eigendynamik des Gewässers”. Grundlage ist die Erkenntnis, daß menschliche Eingriffe zu so vielfältigen Zerstörungen geführt haben - die Natur kann es sicher besser.

Nun sind viele unserer Tieflandgewässer allerdings durch Ausbau und Unterhaltung so breit und tief geworden, daß eine eigendynamische Entwicklung nicht sehr vielversprechend erscheint. Es stellt sich die Frage, ob nicht vorher Grundinstandsetzungen oder zumindest Anstöße zum Initiieren der Eigendynamik erforderlich sind. Aus Abbildung 3 ist klar ersichtlich: ein Restrukturieren, eine Induktion der bachtypischen Turbulenz, die die Ursache für das reichhaltige Mosaik an Kleinlebensraumtypen im naturnahen Bach ist, kann nur erfolgen, wenn wir dem Bach „die gestohlene Steinfraktion zurückgeben”. Die Gliederung in Niedrig-, Mittel- und Hochwasserbett mit der charakteristischen Kolk-Rausche-Sequenz ist Grundlage für die künftige Vielfalt der Lebensraumbesiedlung.

Ausblick

Der Beitrag konzentriert sich auf die Gewässermorphologie, da diese ein jahrzehntelang vernachlässigter Faktor ist. Ob ingenieurtechnische Planung oder Ausführung von Hoch-, Tief- oder Wasserbau - ohne Berücksichtigung dieser Grundlagen wird eine Verbesserung unserer Gewässer nicht eintreten. Parallel sind natürlich regionale Nachholbedarfe bei der Abwasserreinigung zu erledigen bis hin zur Einführung zukunftsweisender Null-Emissions-Techniken. - Die ordnungsgemäße Landwirtschaft ist endlich einzufordern: Bei der gegenwärtigen Subventionspraxis durch den Steuerzahler fehlt die Verknüpfung zu z.B. notwendigem Erosionschutz wie Wege- und Gewässerrandstreifen, Windschutzhecken. Die in den letzten Jahrzehnten ständig vergrößerten Parzellen haben zur Folge, daß heute eine Erosion wie im Mittelalter herrscht. Die Laichbetten der Kieslaicher liegen cm-hoch unter Sand begraben, während der Humus mit den daran haftenden Nährstoffen und Pestiziden bereits Richtung Meer den Bach runtergegangen ist. Gegen diese Form der Meeresverschmutzung ist nach 20 Jahren Nichtstun - trotz wiederholter Hinweise des Sachverständigenrates für Umweltschutz bei der Bundesregierung - endlich verursacherbezogen zu handeln.

Wasserentnahmen für Trink-, Brauchwasser- und Beregnungszwecke sind auf wassersparende Möglichkeiten zu überprüfen, um die Niedrigwasserführung der Bäche zu stabilisieren bzw. zu erhöhen. Gleiches gilt für die Prüfung versiegelter Flächen im Bestand und bei Neuplanungen: Niederschläge sind möglichst vor Ort aufzufangen und zu versickern bzw. zu verdunsten statt sie einem Unterlieger zuzuleiten, der dann mit den erhöhten Mengen klarkommen muß.

Angesichts der noch nicht erreichten Ziel-Gewässerqualität muß die Verbesserung der Bäche flächendeckend vorangetrieben werden mit Schwerpunkt auf Strukturverbesserung. Eine besondere, zukunftsweisende Bedeutung kommt dabei Gewässerentwicklungsplänen zu, über die einzugsgebietsbezogene Maßnahmenkataloge erstellt werden, in die sich jeder Geldgeber anschließend einbringen kann. Das Miteinander aller gesellschaftlichen Gruppen bei der Ausarbeitung der Ziele und Maßnahmen läßt diesem Weg des Gewässerschutzes ein besonderes Maß an Erfolg vorhersagen, der natürlich nicht zuletzt von der Qualifikation des moderierenden Ingenieurs abhängt.

Dr. Ludwig Tent ist Lehrbeauftragter für
Hydrobiologie an der TUHH.
Im Bezirksamt Wandsbek leitet er die
Abteilung für Umweltschutz und ist
Projektleiter des Naturschutzprojekts
Este-Wümme der Edmund Siemers-Stiftung.