Orientforschung an der TUHH

„Tall Munbàqa/Ekalte - Bronzezeit in Syrien"  

Das Hamburger Museum für Archäologie in Harburg (Helms-Museum) zeigt in seinem 100-jährigen Jubiliäumsjahr eine Ausstellung über die bronzezeitliche Stadt Ekalte in Syrien. Ausgegraben wurde sie unter Leitung von Professor Dr.-Ing. Dittmar Machule von der Technischen Universität Hamburg-Harburg (TUHH) in Verbindung mit der Deutschen Orient-Gesellschaft.

Tall Munbàqa/Ekalte ist die derzeit am besten erforschte Stadtruine des 2. Jahrtausends v.Chr. in Nordsyrien. Die Ergebnisse einer mehr als 20-jährigen Feldforschung ermöglichen einzigartige Einblicke in das tägliche Leben einer altorientalischen Stadt am Euphrat. Prof. Dr.-Ing. Dittmar Machule und seine Mitarbeiter stellen jetzt ihr Projekt vor. Ende der sechziger Jahre wurde Tall Munbàqa wiederentdeckt. Ein Stausee war geplant und die syrische Antikenverwaltung organisierte internationale Forschungsaktivitäten zur Bestandsaufnahme und Ausgrabung gefährdeter Altertümer. Seit 1975 füllt der 90 Kilometer lange Assadstausee das Euphrattal, an dessen östlichem Steilufer Munbàqa liegt.

Die Ausstellung ist vom 24. September bis 22. November im Hamburger Museum für Archäologie in 21073 Hamburg (Harburg) zu besichtigen. Anschließend in Freiburg (10.12.´98-21.02.´99), Duisburg (21.04.´99-01.08.´99) und Münster (29.08.´99-28.11.´99). Die Ausstellung wurde gefördert mit Mitteln des Auswärtigen Amts und der Deutschen Orient-Gesellschaft.

 

Die Späte Bronzezeit (ca. 1600 - 1200 v. Chr.) bildet den Höhepunkt der Entwicklung der bronzezeitlichen Kulturen im Vorderen Orient. In dieser Zeit lernten die Menschen das Material Bronze zu verarbeiten. Bronze war der Stahl der damaligen Zeit. Zwischen den Völkern Vorderasiens herrschte ein reger politischer Kontakt und ökonomischer Austausch. Städte blühten auf. Die Hethiter in Kleinasien, die Ägypter im Niltal sowie die Mitanni und Kassiten im Zweistromland führten ihre internationale Korrespondenz und verfaßten ihre bilateralen Staatsverträge in akkadischer Sprache. Für sie stand das fruchtbare und reiche Nordsyrien im Zentrum des Interesses. In den Strudel der politischen Auseinandersetzungen der damaligen politischen Großmächte - Ägypter, Hethiter und Mitanni, die später von den Assyrern abgelöst wurden - geriet auch Ekalte, das heutige Tall Munbàqa. Bei einem Feldzug Thutmosis III. im Jahre 1458 v. Chr. ging die in der nördlichen Euphratregion gelegene Stadt in Flammen auf.

Die Ruinen dieser alten Stadt finden sich auf der Höhe von Aleppo am östlichen Ufer des heutigen Euphratstausees. Tall Munbàqa/Ekalte wurde erstmals 1969 archäologisch untersucht. Bis 1994 schlossen sich weitere 20 Grabungskampagnen an. Sie werden seit 1983 kontinuierlich als eines der großen Grabungsprojekte der  Deutschen Orientgesellschaft /Berlin unter der Leitung von Dittmar Machule in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Hamburg-Harburg durchgeführt und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert. Die Stadt-ruine konnte großflächig freigelegt werden. Die nicht ausgegrabenen Areale wurden in einer Magnetprospektion mit einem Cäsium-Magnetometer aufgenommen. Durch diese Kombination von archäologischer Feldforschung und modernster Technik entstand das einzigartige, umfassende Bild einer Stadt der Späten Bronzezeit. Tall Munbàqa/Ekalte gehört zu den am besten ausgegrabenen Fundstätten dieser Zeitperiode in Syrien. Kein anderer Ort bietet eine solche Fülle an Informationen über das Leben in einer Stadt aus der Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr.
Die Siedlung wurde bereits gegen Ende der Frühen Bronzezeit gegründet (ca. 2500 v. Chr.) und bestand auch in der Mittleren Bronzezeit fort (1. Hälfte 2. Jt. v. Chr.). Zu Beginn der Späten Bronzezeit erlebt die Stadt ihre Blüte. Die Siedlung wird großflächig erweitert. Die Stadtfläche von ca. 400 m x 500 m ist mit einer Stadtmauer aus Lehmziegeln mit einem Steinsockel befestigt. Später wurde diese Mauer durch mächtige Kieswälle ersetzt. Von den fünf Stadttoren sind drei ausgegraben. Das „Nordost-Tor" ist das einzige Stadttor in Nordsyrien, bei dem sich der Torbogen aus Lehmziegeln vollständig erhalten hat.
An der Flußseite erheben sich drei hoch über der Flußaue gelegene Antentempel, die zu den größten ihrer Art gehören. Ein vierter Tempel ist neben dem Nordtor zu vermuten. Von den Toren aus erschließen bis zu 7 m breite, parallel angelegte Hauptstraßen das Stadtgebiet. Ein Netz aus Verbindungsstraßen und Sackgassen optimiert dieses Wegesystem.  Es wird deutlich, daß die Stadt planmäßig unter funktionalen Gesichtspunkten angelegt worden war.

Nahezu 50 Wohn- und Handelshäuser sowie Werkstätten, darunter eine große Bäckerei, wurden freigelegt. Die Grundrisse zeigen Haupträume mit ein- oder beidseitigen Nebenräumen. Die überbauten Flächen liegen zwischen 50 m² und 200 m². Allen Häusern sind gleichartige Einbauten in den Haupträumen gemeinsam. Hierzu gehören Treppen, Bänke, gemauerte Feuerstellen, Sockel und zwei, in der Regel an der Schmalseite gelegene, niedrige Wandvorlagen in Antenform. Zu einem Kleinod unter den Fundorten wird Tall Munbàqa/Ekalte aber auch durch das in vielen Gebäuden noch vollständig vorgefundene Inventar. Hierzu zählen vielfältige Formen von Gebrauchskeramik, aber auch besondere Gefäße für die täglichen religiösen Handlungen, Arbeitsgeräte und Waffen aus Stein und Bronze, Erzeugnisse der „Schönen Künste" wie anthropomorphe und zoomorphe Figuren und Reliefs aus Terrakotta, Schmuck aus Silber, Bronze und Glas, Gesichtsmasken, Lebermodelle und glyptische Erzeugnisse.

Tall Munbàqa barg noch eine weitere Besonderheit. In den Häusern wurden 86 Tontafeln entdeckt. Sie sind der einzige größere Textkorpus der beginnenden Späten Bronzezeit in Nordsyrien. Da die meisten Ton-tafeln die Besitzverhältnisse der Familien dokumentieren und daher für diese von größter Bedeutung waren, ist es nicht verwunderlich, daß die Tafeln sicher verwahrt wurden. So fand sich ein Privatarchiv in einem Wandtresor, ein anderes war in einem Topf unter dem Fußboden vergraben. Die Texte geben Auskunft über Immobilienkäufe von Häusern, Gärten und Feldern. Desweiteren wurden Testamente, Erbteilungen, Adoptionen, Schuldscheine und Briefe gefunden. Es gibt keine Hinweise auf einen Fürstensitz in Ekalte. Das politische Geschick der Bewohner lag im Gegenteil in den Händen eines gleichberechtigten Kollektivs von Stadtältesten und einem Gremium, das sich die „Brüder" nannte.

Die bisher ausgegrabene Stadtruine Tall Munbàqa/Ekalte offenbart auf faszinierende Weise den ganzen Umfang einer spätbronzezeitlichen Stadtkultur.

Informationen: Prof. Dr.-Ing. Dittmar Machule, Tel. 040/7718-3109