Produktionsverlagerung in Niedriglohnländer?

Deutsche Unternehmen investieren zunehmend in Produktionsstätten im Ausland.

Schlagzeilen von Unternehmen wie Opel, Lurgi oder Eberspächer beschreiben die Stimmung. Doch Unternehmen, die sich mit dem Gedanken der Beschaffung oder Fertigung in Niedriglohnländern tragen, werden von immer neuen Erfahrungsberichten verunsichert. Insbesondere in jüngster Zeit wird von negativen Erfahrungen der Unternehmen wie Sennheiser, Varta oder Terra Tec berichtet. Das Ziel Niedriglohnfertigung wird mit dem Risiko der Produktion in einem vergleichsweise unbekannten Umfeld erkauft. Know-how-Diebstahl, Qualitätsprobleme, hohe Zusatzkosten und Lieferengpässe sind hierbei nicht selten das Ergebnis.

Im Auftrag der Hamburger Wirtschaftsbehörde entstand eine Studie für Unternehmen, die sich mit dem Gedanken der Niedriglohnfertigung für spezielle Umfänge ihrer Produktion tragen. Neben praktischen Erfahrungen und Hintergrundinformationen sollte ein Entscheidungsmodell durch Einbeziehung weiterer Einflußfaktoren die Fertigungstiefengestaltung unterstützen.

Fertigungstiefe als Gestaltungsparameter
Die Fertigungstiefe wird durch die unternehmenseigene Wertschöpfung im Verhältnis zum Umsatz der jeweiligen Produktart bestimmt. Sie beeinflußt die Höhe und Zusammensetzung der Kosten, wirkt sich auf den Umfang der zu erstellenden Aufgaben einschließlich des damit verbundenen Know-hows, der Kapitalbindung, der Beschäftigung, der Komplexität sowie der Anpassungsflexibilität auf veränderte Marktbedingungen aus. Daraus resultiert die traditionelle Frage nach Eigenfertigung oder Fremdbezug. In den Unternehmen nimmt in der letzten Zeit die Fertigungstiefe permanent ab. Ihre Reduzierung wird durch die Konzentration auf Kernkompetenzen auch weiterhin Gegenstand der Diskussionen bleiben. Die theoretischen Konzepte und Ansätze zur Optimierung der Fertigungstiefe konzentrieren sich auf die Bewertung kostenrechnerischer und / oder qualitativer Kriterien.

Die systematische und umfassende Bewertung der zu präferierenden Bezugsalternative erfordert ein ganzheitliches Herangehen. Die bisher bekannten Methoden finden in der Praxis wenig Akzeptanz.

Bedeutung der Niedriglohnfertigung
Die internationalen Aktivitäten der deutschen Unternehmen erhalten besonders durch die steigenden Direktinvestitionen eine zunehmende Bedeutung. Die größten Zuwachsraten bei Direktinvestitionen und Beschäftigten von deutschen Unternehmen im Ausland haben die mittel- und osteuropäischen Staaten. Obwohl diese Entwicklung von einem niedrigen Niveau ausging und heute bereits das Volumen der deutschen Aktivitäten in Asien bzw. Mittel- und Südamerika erreicht hat, deutet die Anzahl der geplanten Projekte auf ein weiterhin ungebremstes Wachstum hin. Durch die Auswertung zahlreicher empirischer Untersuchungen konnten die Produktion als Investitionsschwerpunkt und die Arbeitskosten als Hauptmotiv der Produktionsverlagerungen ermittelt werden.
Dabei sind Tschechien, Polen, Ungarn und Slowakei auch weiterhin Hauptzielländer.

Die Niedriglohnfertigung setzt sich deutlich ab von Globalisierung und damit von einer notwendigen Präsenz in den Wachstumsmärkten. Sie steht deshalb im Mittelpunkt der Betrachtungen der Studie.

Stand heutiger Entscheidungen
Unternehmen, die sich mit dem Gedanken der Niedriglohnfertigung für bestimmte Fertigungsumfänge tragen, stehen vor einem Entscheidungsproblem hinsichtlich des Vergabeumfangs und der Standortwahl. Zur detaillierten Untersuchung dieser komplexen Entscheidung wurden über bereits vorliegende, teilweise vertrauliche Erfahrungsberichte hinaus weitere Unternehmen mit Erfahrungen aus verschiedenen Verlagerungsprojekten befragt. Dabei konnte festgestellt werden, daß die Probleme bei der Informationsbeschaffung und -bewertung sowie der in der jeweiligen Situation herrschende Handlungsdruck nicht immer eine systematische Vorgehensweise ermöglichte und die Fertigungstiefengestaltung nicht die ihrer Tragweite angemessene Beachtung erfuhr. Durch die Überbetonung der Lohnkostenunterschiede wird den Erfolgsfaktoren Qualität und Zeit in der Regel nicht die entsprechende Bedeutung beigemessen. Mechanismen zur Erfolgskontrolle werden häufig nicht eingesetzt. Darüber hinaus konnte festgestellt werden, daß Unternehmen nach ersten negativen Erfahrungen mit Lieferanten in Niedriglohnländern entweder zum Bezugsverzicht oder zur Investition in Joint Ventures bis hin zum Aufbau eigener Fertigungsstätten neigen, um die Prozesse zu stabilisieren.

Erfahrungen der Unternehmen bei der Niedriglohnfertigung
Durch die verschiedenartigen Erfahrungen der Unternehmen mit der Fertigung in Niedriglohnländern werden Chancen und Risiken deutlich. Chancen zur Sicherung des Unternehmenserfolges nutzten einige Unternehmen durch einen früh-zeitigen Einstieg, ein langfristig angelegtes Engagement und ein tragfähiges Konzept. Bei zukünftigen Projekten gewinnen die Problemfelder vermehrt an Bedeutung. Insbesondere wird es zunehmend schwieriger, qualifizierte Mitarbeiter und leistungsfähige Partner zu finden. Die Grundstückspreise in Ballungsgebieten sind gestiegen, staatliche Hilfen nehmen ab, und ein wachsendes Selbstbewußtsein der Zielländer erschwert die Investitionsbestrebungen.

Der Kosteneinsparungseffekt resultiert im wesentlichen aus dem Lohnkostenunterschied, da bei den Kosten für Halbzeuge oder Zukaufteile, Kosten für Maschinen etc. kaum Einsparungen möglich sind.
Eine Modellrechnung zeigt, daß eine
30 % ige Kosteneinsparung, wie sie häufig von Unternehmen genannt wird,
- einen Lohnkostenanteil an den Herstellkosten von über 30 % bei
- einem angenommenen Personalkostenfaktor von 1:10 voraussetzt,
- wobei Zusatzkosten noch keine Berücksichtigung finden.

Werden Koordinationskosten, Transportkosten, Qualifizierungskosten und qualitätsbezogene Kosten berücksichtigt, so erhöht sich der erforderliche Lohnkostenanteil schnell auf über 50 %. Abbildung 1 zeigt, wie der notwendige (Personal-)Lohnkostenanteil an den Herstellkosten steigt, wenn ein 30 % iger Kostenvorteil erzielt werden soll. Dabei werden unterschiedliche Zusatzkostenanteile und ein Ansteigen des (Personal-) Lohnkostenfaktors von 1:10 auf 1:2 betrachtet.
 
Abbildung 2 und Abbildung 3 stellen dar, wie hoch der maximale Herstellkostenvorteil bei Lohnkostenanteilen bis 50 % sein kann, wenn man einerseits unterschiedliche Zusatzkosten und andererseits unterschiedliche (Personal-)Lohnkostenfaktoren annimmt.
 
Dabei wurde bereits der für den Maschinenbau und die Gummi- und Kunststoffverarbeitende Industrie durchschnittliche Lohnkostenanteil abgetragen. Von Entscheidungsrelevanz für Produkte, die erfolgreich in Niedriglohnländern produziert werden sollen, sind dementsprechend Elemente wie Lohnkostenanteil und für Serienfertiger eine möglichst geringe Änderungshäufigkeit sowie größere Auftragsvolumina.

Zur Identifikation und Gewichtung der entscheidungsrelevanten Kriterien werden die Erfahrungen in der Studie mittels einer Effizienzbetrachtung analysiert. Dabei wird der Einfluß der Standortfaktoren auf die Erfolgsfaktoren Kosten, Qualität und Zeit untersucht. Die gewonnenen Erkenntnisse werden in ein Entscheidungsmodell eingearbeitet.

Entscheidungsmodell
Das Entscheidungsmodell enthält 6 Phasen, in denen systematisch die geeignete Integrationsform für das Betrachtungsobjekt bestimmt werden kann. Dabei ist zu beachten, daß die Fertigungstiefenoptimierung als permanenter Prozeß zur verstehen ist. Die Ergebnisse der Erfolgskontrolle sowie die Änderungen der Ausprägung der entscheidungsrelevanten Kriterien erfordern eine ständige Neubewertung der Fertigungstiefen- und Standortwahl und gegebenenfalls eine Korrektur der Entscheidung.

Letztlich ist auch zu fragen, welches Rationalisierungspotential noch zu erschließen ist, wenn die betrieblichen Strukturen am bisherigen Standort entsprechend der Neuen Fabrik [Nedeß 1995] gestaltet werden.

Prof. Dr.-Ing. Christian Nedeß,
Dipl.-Ing. Nils Barck
Arbeitsbereich Fertigungstechnik I
Organisation - Technologie - Logistik