Baut Brücken in Wilhelmsburg

TUHH-Stadtplanung: Lehre, Forschung und Praxis

Mitten in Hamburg liegt die größte Flußinsel Europas. Die Norder- und die Süderelbe begrenzen sie. Dort ist Wilhelmsburg zu entdecken, heute ein Ortsteil des Bezirks Harburg und eine Heimat für 49.000 Menschen, von denen ca. ein Drittel Migranten sind. In Wilhelmsburg läßt sich viel verbessern.

Seit 1994 läuft im Auftrag der Hamburger Stadtentwicklungsbehörde (STEB) in Wilhelmsburg ein von Absolventen und Mitgliedern des TUHH-Studiengangs Städtebau/Stadtplanung in Gutachterfunktion getragenes Stadtteilentwicklungsverfahren. Mit ihrem Hamburger Büro d'Ing-Planung haben sich zwei junge Stadtplaner und eine Planerin, Mario Bloem, Dorle Danne und Jens Usadel, erfolgreich selbständig gemacht - nicht die einzigen dieses Studiengangs, die nach dem Diplom den Schritt in die Selbstständigkeit wagten. Sie beschäftigen inzwischen Mitarbeiter aus der dritten, ihnen nachfolgenden TUHH-Stadtplanungs-Studenten-Generation.

Um die Lebensqualität auf der Elbinsel zu verbessern, galt es die Probleme von Wohnen und Arbeiten in ihrer gesamten Komplexität anzupacken. Es gab keine direkten Vorbilder dazu, wie dies erfolgreich geschehen kann. Mit breiter Bürgerbeteiligung sollte ein ganzer Stadtteil, der sich (ungerechtfertigt) tiefgründenden Vorurteilen ausgesetzt sieht, "in Wert gesetzt werden". Dazu wurden zunächst die Brücken zwischen der TUHH und Wilhelmsburg gebaut. Ein TUHH-Team, nämlich d'Ing-Planung und Dittmar Machule (Stadtplaner) sowie Dipl.-psych. Cornelia Vogel (Arbeitswissenschaftlerin), fand sich zusammen. Eine These lautete: Wesentlichen Entwicklungsanteil könnte die Wilhelmsburger Wirtschaft haben. Deshalb versucht ein über die TUHH Technologie GmbH organisiertes Forschungsprojekt (Federführung Dipl.-Ing. Birgitta Plaß) auszuloten, ob und wie diese sich mit der TUHH vernetzen läßt. Das Motto lautet: „Neue Kooperationswege: Wissenschaft, Wirtschaft, Wilhelmsburg”. Ein weiteres TUHH-Forschungsvorhaben (Federführung Dipl.-Ing. Karin Dudda) untersucht die Anforderungen von Wilhelmsburger Migranten an die Stadtteilentwicklung und an Beteiligungsverfahren.

Es war auf den ersten Blick nicht sichtbar: Brückenbau im direkten und im übertragenen Sinn, also das Schaffen von Verbindungen zwischen Stadtteilen, Menschen und Institutionen, ist das grundelegende Thema für Wilhelmsburgs Zukunft. Wilhelmsburg lebt von und mit Brücken. Sie werden mitten in Wilhelmsburg gebraucht. Denn engagierten Wilhelmsburgerinnen und Wilhelmsburgern, die stolz und auch mit Bitterkeit an den kurzen Status Wilhelmsburgs als eine selbständige preußische Stadt zwischen 1925 und 1927 zurückdenken, fehlt die "Mitte für alle". Diese sollte eigentlich etwa zwischen dem 1903 isoliert errichteten wilhelminischen Rathaus Wilhelmsburg und dem nach der verheerenden Flut vom Februar 1962 in den 70er Jahren gebauten Wilhelmsburger Einkaufszentrum liegen, also rund um den S-Bahnhof Wilhelmsburg. Dort aber trennen große Verkehrsbänder - Wilhelmsburger Reichsstraße und Eisenbahntrassen - den mehr ländlichen Wilhelmsburger Osten mit Kirchdorf, Stillhorn und Moorwerder vom mehr großstädtischen Westen mit den quirligen Vierteln Vogelhüttendeich oder Reiherstieg. Getrennte Stadträume trennen Menschen. Man muß über Brücken gehen, wenn man zueinander finden und gemeinsam handeln  will. Aber nur wenige Brücken - zu wenige - verbinden hier die Wilhelmsburger Quartiere. Zugleich sind Brücken in Wilhelmsburg lebenswichtige Fluchtwege bei Flutgefahr. Deshalb wird in Wilhelmsburg um den Erhalt jeder alten Brücke gerungen.

Das Problem der Mitte von Wilhelmsburg und der Wunsch nach mehr Brücken über die trennenden Verkehrsschneisen gaben den Anstoß für einen Ideen-Wettbewerb für Studierende im TUHH-Studiendekanat Bauwesen. Ein Ur-Wilhelmsburger, der Bauingenieur Rolf Petersen, spendierte im Frühjahr 1997 ein attraktives Preisgeld. Damit wollte er, angeregt durch die Aufbruchsstimmung, seinen persönlichen Beitrag für das Vorankommen der geliebten Elbinsel leisten. In dem Studentenwettbewerb sollten die TUHH-Stadtplaner Wege zur Mitte aufzeigen und die TUHH-Bauingenieure - Prof. Dr.-Ing. Valtinat betreute sie - sollten Brücken konstruieren.

Es beteiligten sich 12 Gruppen. Der Wettbewerb wurde ein Bombenerfolg für die TUHH-Studentinnen und Studenten. "Die Mitte im Kopf", "Bluebox Archipel Wilhelmsburg", "Eine Schrägseilbrücke über die Bahngleise", "Wilhelmsburg Stadtteil statt Teile", "Brücken als Mitte?”oder "Roter Faden”lauten einige Titel der preisgekrönten Arbeiten. In farbigen Plänen, Modellen und Animationen wurden die Ergebnisse einem breiten Publikum, auch pressewirksam, zugänglich gemacht. Ganze Schulklassen besuchten die Ausstellung der Arbeiten im Bürgerhaus Wilhelmsburg und ließen sich von leibhafttigen TUHH-Studenten die Arbeiten vorführen. Noch weitere dreimal - an der TUHH selbst, im Rathaus Harburg und in einer Wandelhalle zwischen der Hamburger Wirtschaftsbehörde und der STEB, also nördlich der Elbe - wurde die Wanderausstellung der TUHH eröffnet und präsentiert.

„Baut Brücken in Wilhelmsburg” war äußerst anregend, die Denk- und Ideenanstöße trugen Früchte. Inzwischen gab die STEB ein umfangreiches Gutachten zur Entwicklung der Wilhelmsburger Mitte in Auftrag. Claudia Greiner und Angela Hellenbach, zwei junge Stadtplanerinnen, haben mit dem Thema gerade ihr Diplom an der TUHH bestanden und gewannen damit auch den Preis 1998 der Vereins- und Westbank für die beste Diplomarbeit im Studiendekanat Bauwesen. Eine kleine Ausstellung in der Wilhelmsburger Filiale der Bank wird für Vor-Ort-Publicity sorgen. Jetzt haben beide Stadtplanerinnen ihren vollen Arbeitsplatz bei d'Ing-Planung und wirken in Wilhelmsburg mit.

Als ein hochinnovativer Ansatz erwies sich die Arbeit "Bluebox Archipel Wilhelmsburg". Dabei handelt es sich um einen "Planungspavillion für die Elbinsel", in dem mit Bürgerinnen und Bürgern Ideen für neue Brücken in Wilhelmsburg entwickelt werden können. Im Rahmen neuer Formen von Öffentlichkeitsarbeit und Bürgerbeteiligung kommen dabei moderne Medien zum Einsatz. Als Wettbewerbsbeitrag wurde eine selbstentwickelte CD-ROM mit möglichen Ideen aus dem Bluebox-Pavillion in digitaler Form vorgestellt. Diese überzeugende Arbeit von Julian Petrin und Christian Albrecht errang, in leicht überarbeiteter Version, im Frühjahr 1998 auf der Leipziger Buchmesse den ersten von fünf 1. Preisen des erstmals international ausgelobten "Deutschen Studienpreises der Körber-Stiftung". An dem Forschungswettbewerb für Studentinnen und Studenten vom 1. bis zum 12. Semester zur Thematik "Visuelle Zeitenwende? Bilder-Technik-Reflexionen”hatten sich 750 Studierende beteiligt, 53 Arbeiten waren als preiswürdig begutachtet worden.

Am Prozeß „Baut Brücken in Wilhelmsburg” haben viele unterschiedliche Kräfte mit- und zusammengewirkt. Wohl auch deshalb wurde es ein Erfolg: Effektiver und lustvoller lassen sich stadtplanerische Forschung und Lehre, Theorie und Praxis kaum verkoppeln.

Der studentische Wettbewerb "Baut Brücken in Wilhelmsburg”hat aber nicht nur in Wilhelmsburg selbst zum Aufbruch beigetragen. Staatliche Sparverpflichtungen führen in der universitären Bildungslandschaft zu dramatischen Veränderungen. Die Stadtplaner der TUHH jedenfalls erhielten von der Hamburger Politik eine auf 1998 befristete Lizenz, sich im TUHH-Verbund weiterentwickeln zu dürfen. Die gegebene Chance zum Ausbau statt der Bedrohung durch Abbau ist nicht zuletzt auch das Ergebnis des Einsatzes der TUHH-Stadtplaner in der Region. Also wird der Wettbewerb "Baut Brücken in Wilhelmsburg II”diesmal gemeinsam für Studierende am Studiendekanat Bauwesen der TUHH und für die der Studiengänge Architektur und Bauingenieurswesen der Fachhochschule Hamburg (FH) vorbereitet. Die Brücken zwischen der TUHH und Wilhelmsburg werden weiter ausgebaut. Demnächst wollen beispielsweise TUHH- Studenten des Maschienenbaus und der Verfahrenstechnik mit Wilhelmsburger Schülerinnen und Schülern gemeinsam Wilhelmsburger Firmen besuchen.

Wie lautete doch der Gründungsauftrag für die TUHH?: In die Region wirken. Die Region beginnt, von Hamburg-Harburg nach Norden blickend, spätestens hinter den Brücken über die Süderelbe-, in Wilhelmsburg. Letzteres wird, 20 Jahre nach Gründung der TUHH in Hamburgs tiefem Süden, mit einem Augenzwinckern angemerkt.

Prof. Dr.-Ing. Dittmar Machule Städtebau und Stadtplanung