Maschinenbau mit neuem Image

Studierende der TUHH gewinnen Design-Förderpreis

Konstruktionstechniker als medizinische Therapeuten? Maschinenbauer im OP? Scheinbar abwegig, doch die gegenwärtige Forschung und Entwicklung zeigt, daß aus dem Zusammenspiel verschiedener Wissenschaftsbereiche die fortschrittlichsten Problemlösungen entstehen.

Fast 900 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 50 Ländern und den verschiedensten technischen und künstlerischen Bereichen beteiligten sich an dem in diesem Jahr erstmalig ausgeschriebenen Internationalen Audi Design-Förderpreis, der mit insgesamt 150.000 US Dollar dotiert war. “Leben in Bewegung” wählte der Automobilhersteller als Thema und legte damit den Schwerpunkt des Wettbewerbes auf die Dynamik zwischen Mensch, Technik und Design.

Stefan Sasse und Roberto Stein hatten sich dieser Herausforderung angenommen und an der Verbesserung eines Heilmittels geforscht. “Biomechanische Analyse und Gestaltoptimierung des Ilisarow-Fixateurs” lautet der Titel ihrer Arbeit, aus der der prämierte Entwurf hervorging, mit dem sie mit 10.000 Mark die höchste Preissumme gewannen.

Stefan Sasse ist Doktorand an der TUHH im Arbeitsbereich Konstruktionstechnik II. Roberto Stein erwarb 1996 sein Diplom in Industrie-Design an der Hamburger Hochschule für bildende Künste. Er hat, betreut durch Stefan Sasse, an der TUHH zwei Semesterarbeiten angefertigt.

Der Ilisarow-Fixateur, benannt nach dem russischen Mediziner Prof. Gawril Abramowitsch Ilisarow, ist eine Weiterentwicklung frühester Apparaturen zur Ruhigstellung von gebrochenen Gliedmaßen, um deren Heilung zu fördern. Wurden komplizierte Brüche zuvor mittels Nägeln, Schrauben und Metallplatten direkt am Knochen behandelt und stabilisiert, so bildet der Fixateur ein außenliegendes “Baugerüst”, welches die Basis für weitergehende Heilungsmaßnahmen bildet. Dabei konnte es bisher allerdings zu unangenehmen Nebenwirkungen kommen - für Patienten und behandelnde Ärzte. Der Fixateur in seiner alten Form ist unbequem zu tragen und schwer zu montieren, weshalb Chirurgen nach entsprechenden Eingriffen häufig zur Selbstbehandlung schreiten mußten.

Der von Stefan Sasse und Roberto Stein optimierte Fixateur ist leichter und flexibler zu montieren und für Patienten - auch optisch - besser verträglich. Er ermöglicht nicht nur schützende und heilungsfördernde Stabilisierung von komplizierten Knochenfrakturen, auch in Fällen von schweren Knochenentzündungen kann, nachdem krankes Gewebe entfernt worden ist, der Knochen mit Hilfe des Fixateurs aufgebaut werden. Dazu wird der durch die Verletzung verkürzte Knochen mit dem Fixateur mechanisch gedehnt, bis er die ursprüngliche Länge erreicht hat. Diese “Distraktion” ist nicht nur formgebend, sie bewirkt sogar das Wachstum der Knochenzellen. Die prämierte Verbesserung des Ilisarow-Fixateurs resultiert aus einer Kombination moderner Materialien und dem Konzept, den Fixateur - quasi als Baukasten - aus verschiedenen Elementen jeder individuellen Anwendung entsprechend zusammenzusetzen.

Mit ihrer Arbeit haben die beiden Preisträger erfolgreich Neuland betreten, um ihre eigenen Kenntnisse in Materialwissenschaften, Konstruktionstechnik und Design mit denen der Unfallmedizin zu verbinden. Prof. Dr.-Ing. Manfred Vötter, Leiter des Arbeitsbereichs Konstruktionstechnik II, hebt hervor, wie produktiv das Überwinden von Berührungsängsten vor fremden Wissenschaftsfeldern ist: “Das Image der Maschinenbauer, nur an alten, schweren Dampfmaschinen zu schrauben, gehört der Vergangenheit an.”

“Interdisziplinarität” lautet das Leitmotiv moderner, intelligenter Wissenschaft. Das Beispiel von Stefan Sasse und Roberto Stein ist typisch für die Entwicklung im Maschinenbau und benachbarten Bereichen: “Sektorengrenzen” zwischen den Fakultäten verschwinden - es entsteht eine Wissenschaft, die tatsächlich Leben in Bewegung hält.

Matthias Wendt

Informationen: Prof. Dr.-Ing. Manfred Vötter, Tel. 040/7718-3032