Pittsburgh, Philadelphia

P.C.´s von gestern und die digitale Informationswelt von heute

Pittsburgh, übersichtliche amerikanische Großstadt in Philadelphia und früher Stahlstadt mit der konzentriertesten Luftverschmutzung Amerikas, hat sich zu einer High-Tech-Metropole „mit urbanem Flair” gewandelt. Sie ist heute Vorzeige-Objekt für moderne Stadtentwicklung sowie drittgrößtes Forschungszentrum der USA, mit zwei großen Universitäten, der staatlichen University of Pittsburgh mit dem Wolkenkratzer „Cathedral of Learning” als Wahrzeichen und der privaten Carnegie Mellon University.

Anlaß meines Kurzbesuchs war die Conference on the History and Heritage of Science Information Systems (23.-25. Oktober 1998), die als erste Konferenz zur Geschichte wissenschaftlicher Information Wissenschafts- und Technikhistoriker, Informationswissenschaftler und Zeitzeugen („Pioneers”) zusammenführen sollte. Anwesend waren u.a. der Sohn von Watson Davis, dem Begründer des American Documentation Institutes, des Vorläufers der die Konferenz zusammen mit der Chemical Heritage Foundation veranstaltenden American Society for Information Science (ASIS) sowie Eugene Garfield, der Entwickler des Science Citation Index.

Marmorne Zweigstelle der "öffentlichen" Carnegie Library

Überblicke zur Chronology of Chemical Information Science, zur Entwicklung zur chemischen Sekundärliteratur und Geschichte der Chemical Abstracts unterstrichen, daß besonders Chemiker an der Entwicklung von Organisations-Instrumenten zur wissenschaftlicher Information beteiligt waren. Der wissenschaftliche Aufsatz bleibt von zentraler Bedeutung in seiner Funktion als Kommunikationsmedium aber auch als Standardisierungsmedium für die Konstruktion wissenschaftlicher Fakten. Der Berichterstatter zeigte, daß auch der deutsche Chemie-Nobelpreisträger Wilhelm Ostwald zu den Pionieren im Bereich wissenschaftlicher Information zu rechnen ist. So gründete er 1911 in München ein „Institut für die Organisation der geistigen Arbeit”, die „Brücke”, das ähnlich wie das berühmtere Brüsseler Institut Internationale de Bibliographie von Paul Otlet und Henri LaFontaine versuchte, das Weltwissen der damaligen Zeit auf Karteikarten zusammenzufassen und zugänglich zu machen. Auch die mit dem World Wide Web häufig auftauchende Assoziation eines „World Brain” (H.G. Wells, 1937) läßt sich in seinen Wurzeln mindestens bis Ostwald zurück verfolgen.

Beiträge von Pionieren des „Information Retrieval” ließen noch einmal die Zeit der mechanischen Informationsmittel und ersten Rechner zum Leben erwachen. Mit den P.C.s (Punched Cards = Lochkarten) von gestern konnte man noch plastisch „die Bits laufen sehen”. Diese waren auch entsprechend teuer („ten dollar for one bit”).

Die anschließende Jahrestagung der ASIS befaßte sich mit der Gegenwart der globalen Informationswelt. Für den Wirtschafts-Nobelpreisträger und Mitbegründer von Künstlicher-Intelligenz- und Kognitionsforschung Herbert A. Simon ist das Hauptproblem der gerade stattfindenden Informationsrevolution („Do not process more information, but the right information.”) die Zukunft der menschlichen Arbeit in einer Welt, in der das meiste durch Computer geleistet werden kann. Dasjenige Werkzeug, das es ermöglicht, das Ziel einer ökologisch verträglichen Welt zu erreichen, sei Wissen. Der Wirtschaftswissenschaftler Hal R. Varian stellte fest, daß die digitale Revolution neues strategisches Denken aller auf den Informationsmärkten aktiven Institutionen und Firmen, also auch der Universitäten, erfordere. „Scientific expectations management” sei in Zukunft für alle Beteiligten notwendig, um im Wettbewerb bestehen zu können. In Beiträgen zur Wissensorganisation wurde auf die Tendenz zu einem mehr historisch-kulturellen und sozialen Verständnis von Wissen hingewiesen, zu einen neuen Verständnis von Information, einem neuen Blick auf Dokumente und ihre Rolle in der wissenschaftlichen Kommunikation sowie auf die Rolle von Information Professionals. Weitere Themen waren die graphisch-visuellen Informationsmedien und deren Retrieval, die multilinguale Recherche und die Auswirkungen der Internet-Technologie auf Forschung und Lehre.

Bibliotheken der Zukunft wurden als „dissipative Strukturen” beschrieben, die flexibel und schnell auf radikale Veränderungen und neue Anforderungen reagieren. Ein allen Bibliotheken unter den Nägeln brennendes Thema ist die Diskussion um die Zukunft der gedruckten Fachzeitschriften, die jährliche Preissteigerungsraten von bis zu 20 % aufweisen. Gewarnt wurde vor der falschen Erwartung, daß das elektronische Publizieren billiger werde. Das Problem der Archivierung elektronischer Dokumente ist noch ungelöst.

Abstecher zu Pittsburgher Universitäten boten mir einen ersten Einblick in amerikanische Bibliotheksverhältnisse. Das elektronische Angebot der beiden im Stadtteil Oakland liegenden Universitätsbibliotheken ist verglichen mit deutschen Verhältnissen groß. Die Carnegie Library of Pittsburgh als öffentliche Bibliothek ergänzt das Literaturangebot. Deren Zweigstelle in Downtown „The Library Center” mit marmornen Treppen und einer großen Bronze-Uhr an der Decke veranschaulicht die gelungene Umnutzung eines ehemaligen Einkaufszentrums und Bankgebäudes. Andrew Carnegie, wie Mellon Großindustrieller und großzügiger Stifter, war interessanterweise auch ein Mitglied der oben erwähnten von Ostwald gegründeten Brücke.

Thomas Hapke
Universitätsbibliothek
Pittsburgh Links im WWW unter http://www.tuhh.de/b/hapke/pitt.htm