Fordern und Fördern - Interview mit Christian Nedeß

Im Januar ist Professor Dr.-Ing. Christian Nedeß (55), Leiter des Arbeitsbereiches Fertigungstechnik I, vom Konzil der TUHH zum neuen Präsidenten gewählt worden. Der Amtswechsel fand Ende März in einem feierlichen Rahmen in Anwesenheit von Wissenschaftssenatorin Krista Sager sowie Vertretern aus Hochschule, Wissenschaft und Politik statt.

"Was ich mir wünsche ist, daß unsere Studierenden noch mehr, als sie es schon jetzt tun, in der Mitgestaltung des universitären Lebens aktiv sind."

Prof. Dr.-Ing. Christian Nedeß, 1943 in Dresden geboren, studierte an der Universität Hannover Maschinenbau. Nach der Promotion 1975 war er in leitenden Funktionen in der Industrie tätig. 1982 wurde Prof. Nedeß als Leiter des Arbeitsbereiches Fertigungstechnik I an die noch junge und im Aufbau befindliche TUHH berufen. Von 1983 bis heute war und ist Prof. Nedeß in den Gremien der TUHH tätig, z.B. als Dekan für Maschinenbau, als Sprecher zweier Forschungsschwerpunkte und vor allem als Vizepräsident. Sein Interesse gilt aber auch den Kooperationspartnern der TUHH mit der Leitung im Vorstand und Aufsichtsrat. Seit Beginn des Jahres ist Prof. Nedeß Mitglied des Präsidiums des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI).

An der TUHH leitet Professor Nedeß den Arbeitsbereich Fertigungstechnik. Seine Forschungsgebiete sind die „Organisation der Produktion” sowie die „Technologie im Fertigungssystem”. Von besonderem Interesse im Bereich der „Neuen Fabrik” ist das Zusammenwirken von Menschen, Technik und Organisation.

Prof. Nedeß ist verheiratet, hat zwei Söhne und lebt in der Nordheidestadt Buchholz.

Prof. Nedeß, wollten Sie schon immer Forscher, Wissenschaftler oder Präsident werden?
Eindeutige Antwort „Nein”. Bereits vor Abschluß meines Studiums hatte ich einen Industrievertrag unterschrieben. Das Angebot einer Assistentenstelle und die Möglichkeit zu promovieren hielten mich zunächst an der Universität fest. Danach erfolgte der Wechsel in die freie Wirtschaft ohne einen Blick zurück oder auch nach vorn in Richtung Universität. Einer Aufforderung folgend bewarb ich mich jedoch dennoch um eine Professur an der TU Hamburg-Harburg und nahm konsequenterweise den an mich ergangenen Ruf als neue Herausforderung an. Ich mache jedoch keinen Hehl daraus, daß mir die Entscheidung nicht leicht gefallen ist, da mir die Arbeit in der Industrie im wahrsten Sinne des Wortes viel Spaß gemacht hat. Meine Entscheidung, mich um das Präsidentenamt an der Technischen Universität Hamburg-Harburg zu bewerben, fiel im Sommer 1998. Noch Anfang des Jahres habe ich nicht im Traum daran gedacht.

Ihre Vorbilder in der Wissenschaft?
Die TUHH befand sich damals noch in der Gründungsphase, so daß sich die Frage nach Vorbildern diesbezüglich erübrigt. Aber auch sonst muß ich gestehen, daß Vorbilder in der Wissenschaft für mich nicht relevant waren. Dies hat nichts mit Hochmut zu tun, sondern einfach mit der Tatsache, daß man als Universitätprofessor in ungeheurer Freiheit Ideen und Ziele verwirklichen kann, wenn man diese hat und dieses will.

Was sind Ihre persönlichen Stärken?
Zu dieser Frage fällt mir zunächst die Antwort ein „Sprechen Sie nicht über sich, das tun wir schon über Sie, wenn Sie nicht mehr dabei sind”. Tatsächlich sollte nicht ich, sondern die Kollegen der TUHH diese Frage beantworten. Ich würde mich freuen, wenn dabei als Ergebnis herauskäme, „…er hat Visionen, Ideen und Ziele und kann diese durchsetzen, er kann motivieren, integrieren und ein Bild der TUHH zeichnen, das Spitzenleistung als allgemeines Selbstverständnis darstellt.”

Welche Projekte oder Ziele wollen Sie an der TUHH umsetzen?
Eine umfassende Antwort dieser Frage würde sicherlich den Rahmen dieses Interviews sprengen. Lassen Sie mich daher nur einige wenige Punkte herausgreifen. Zunächst müssen wir es schaffen, junge Menschen für Technik zu begeistern und für ein Ingenieurstudium zu gewinnen. Ohne eben diesen jungen Menschen zu verschweigen, daß dieses Studium arbeitsintensiv ist und Leistungsbereitschaft voraussetzt. Die TUHH bietet mittlerweile ein Angebot, das national wie international jedem jungen Menschen alle möglichen Chancen eröffnet. Dennoch sollten wir an unserer Devise festhalten, daß kein System so gut ist, daß es nicht zu verbessern ist. Deshalb werde ich weiter dafür kämpfen, daß über die Vermittlung technischer Kompetenz hinaus die Elemente konzeptionelle Kompetenz, soziale Kompetenz und auch kulturelle Kompetenz weiterentwickelt werden. Fordern und Fördern werden wesentliche Strategieelemente meiner Arbeit sein, in die ich alle Gruppen und Individuen dieser Universität einschließe. Konkret möchte ich allen Mitarbeitern der TUHH die entscheidenden Elemente des Gründungskonzepts, nämlich die technisch-wissenschaftliche Kompetenz durch Spitzenleistung in Forschung und Lehre in der Region zu steigern, zukunftsträchtige Arbeitsplätze zu sichern, neue Arbeitsplätze zu schaffen, durch interdisziplinäre Zusammenarbeit Zukunft zu gestalten und qualifizierten Nachwuchs auszubilden, erneut vor Augen halten. Dazu sind vielfältige Einzelmaßnahmen notwendig, die wir gemeinsam angehen müssen und werden.

Wie wünschen Sie sich unsere Studierenden?
Wenn ich darauf antworte „lieb, brav und nett”, würde das den Hochschullehrer möglicherweise zufriedenstellen, nicht aber der Sache dienen. Was ich mir wünsche ist, daß unsere Studierenden noch mehr, als sie es schon jetzt tun, in der Mitgestaltung des universitären Lebens aktiv sind. Damit sind Verbesserungsvorschläge im Lehrangebot genauso angesprochen, wie Fragen nach einer besseren universitären Gemeinschaft im Sinne einer Campus-Universität. Ganz persönlich lassen Sie mich sagen, die Studierenden dürften deutlich kritischer, engagierter und treibender sein.

Wo hat der wissenschaftliche Nachwuchs die größten Chancen?
Die Antwort auf diese Frage ist beliebig schwer. Die Konjunktur folgt seit jeher Zyklen, wie sie beispielsweise als Schweinezyklen bezeichnet werden. Langfristig lassen sich daher keine Empfehlungen abgeben, die ein besonderes Fach herausheben. Dennoch möchte ich für Studieninteressenten zwei Empfehlungen abgeben, zunächst die eine, sich antizyklisch zu verhalten. Damit meine ich, wenn eine Branche durch negative Schlagzeilen von sich reden macht, durchaus die Zukunftsperspektiven zu sehen. Da in aller Regel auf Negativmeldungen einer Branche sich sofort die Studienanfängerzahlen in diesem Bereich drastisch verringern, folgt ein entsprechender Mangel genau in dieser Disziplin, wenn sie sich wieder im Aufschwung befindet. Man muß wissen, daß zwischen Studienanfang und -ende etwa fünf Jahre der Ausbildung liegen. Der andere Aspekt beruht auf meiner Grundüberzeugung, daß, wer Ingenieur werden will, Leistungsfähigkeit und Lei- stungsbereitschaft mitbringt und weiterhin bereit ist, die vorher von mir genannten Eigenschaften konzeptioneller und sozialer Kompetenz zu entwickeln, auch in Zukunft und relativ unabhängig von der Konjunktur einen sicheren und gut dotierten Arbeitsplatz haben wird.

Welches Buch lesen Sie gerade?
Wenn ich das gerade auf meinen etwa zwei Wochen zurückliegenden Urlaub beziehen darf, der bei den bekannten Schneeverhältnissen in den Alpen mein Skierlebnis drastisch eingeschränkt hat, so ist es das Buch, das mir anläßlich der Verabschiedung unseres ehemaligen Kanzlers, Dr. Justus Woydt, von Prof. Sinn überreicht wurde und den Titel trägt „Mal ehrlich”. Dieses Buch hat mich in meiner bisherigen Arbeit bestätigt und wird auch in meiner neuen Aufgabe bestimmend sein, da ich hierin mein Führungskonzept, meine Führungsmethoden und -instrumente wiederfinde.

Was war bisher Ihr größter Erfolg?
Als ich den Ruf an die TUHH erhielt, war damit ein Auftrag verbunden, der an jeden neu berufenen Professor ergeht, ein Fachgebiet erfolgreich auf- und auszubauen. In der Fertigungstechnik ist das besonders schwierig, da hier erfolgreiche Kollegen mit Großinstituten, die bis vor wenigen Jahren an die Größe der gesamten TUHH heranreichten, die Erfüllung einer derartigen Aufgabe nahezu unmöglich machten. Daß es dennoch gelungen ist, mein Fachgebiet in Wissenschaft und Praxis zu etablieren, sehe ich als größten Erfolg für meine Mitarbeiter und mich. Im übrigen möchte ich aber auch diesbezüglich meine Enttäuschung, wie gute Anträge in einer vergleichenden Begutachtung abgeschmettert werden, nicht verhehlen.

Was sollte Ihnen später einmal nachgesagt werden?
Die Antwort auf diese Frage fällt mir im Augenblick am leichtesten. Ich habe mich um das Amt des Präsidenten der TUHH beworben, ich bin mit großer Mehrheit gewählt worden, und daher sollte die Antwort auf diese Frage lauten: „Er hat einen bedeutenden Beitrag dazu geleistet, die TUHH auf ihrem Weg in die Spitzengruppe international anerkannter Universitäten zu begleiten”. Völlig klar muß sein, daß die Wahl in ein derartiges Amt nicht gleichbedeutend ist mit der Tatsache, daß der Präsident „Everybody”s Darling” sein kann. Spätestens mit der Unterzeichnung der Leistungsvereinbarung mit der Wissenschaftsbehörde sollte jedem Mitarbeiter der TUHH klar sein, daß seine persönliche Einsatzbereitschaft für unsere gemeinsame Aufgabe gefordert ist.

Was empfehlen Sie Schülerinnen und Schülern?
Interessieren Sie sich für Technik! Gehen Sie der Frage nach, was unser Leben heute wesentlich bestimmt! Dazu gehört neben Essen und Wohnen ebenso die medizinische Versorgung als auch die Möglichkeit, mit Auto, Bahn, Bus oder Flugzeug jeden beliebigen Punkt der Welt zu erreichen. Unser Lebensalter steigt ständig, unsere Flüsse werden zunehmend sauberer, der Benzinverbrauch der Autos sinkt, usw. Damit sind längst nicht alle Probleme der Zukunft gelöst, aber wir lösen sie mit Sicherheit nicht durch bloßes Diskutieren. Wir brauchen Schüler und Schülerinnen, die die Technik als das begreifen, was sie ist, nämlich die Disziplin, die zum Lebensstandard dieses Landes geführt hat und die in der Lage ist, Probleme der Zukunft zu lösen. Technik ist sicherlich nicht alles, was unser Leben ausmacht, aber ohne Technik würden wir in eine Entwicklung zurückfallen, die niemand in unserer Gesellschaft will. Auch wenn Konjunkturzyklen ein ständiges Auf und Ab am Arbeitsmarkt bedeuten, ist die Entscheidung für einen qualifizierten technischen Beruf eine relativ sichere Bank für die Zukunft. Erlauben Sie mir eine deutliche Aussage aus meiner persönlichen Erfahrung. Seit 1982 bin ich Professor an der TUHH. Ich behaupte, daß nahezu jeder meiner Absolventen – damit meine ich diejenigen Studenten, die bei mir am Ende ihres Studiums die Diplomarbeit geschrieben haben, und das sind nicht wenige – unabhängig von der konjunkturellen Lage einen qualifizierten Arbeitsplatz gefunden hat. Zusammengefaßt, wer bereit ist, zu arbeiten und Leistung zu erbringen, wem die Technik, in welcher Form auch immer, Spaß machen kann, wer Lust hat, selbst zu gestalten, zu entwickeln und in die Tat umzusetzen, der findet in den unterschiedlichsten Bereichen der Ingenieurwissenschaften ein hochinteressantes Betätigungsfeld.

Ihr Lebensmotto?
Tu’ das, was Dir beruflich Spaß macht, setze Dich dafür hundertprozentig ein, vergesse darüber nicht Dein soziales Engagement, Dein Wirken für die Gemeinschaft und Deine Hilfe denjenigen gegenüber, die diese brauchen und die Du geben kannst. Darüber hinaus: „Think positive, Think-Ing”! (ih)