Raus aus dem Elfenbeinturm, ran an den Nachwuchs

 

Andreas Liese und Alexander Himmelspach

Wie seine Kollegen kennt auch Andreas Liese den Vorwurf der Forschung aus dem Elfenbeinturm. Mithilfe der HOOU will der Leiter des Instituts für Technische Biokatalyse der Technischen Universität Hamburg (TUHH) diese Ansicht verändern.

Grundlagenvorlesungen mit Formeln auf Tafeln und Folien, die Vorgänge beschreiben – alles sehr theoretisch und sehr weit von der Realität entfernt. Dabei ist das, was in den Vorlesungssälen erarbeitet, was im Labor erforscht wird, häufig viel näher am Alltag der Menschen, als die komplizierten Berechnungen und Beschreibungen vermuten lassen.

„Wie das, was wir hier erforschen, die Lebensrealität verändert und verbessert oder wie es sich wirklich in einem Verfahren in der Industrie darstellt, das bekommen Studieninteressierte, aber auch unsere Bachelorstudenten zu Beginn ihres Studiums gar nicht mit“, sagt Andreas Liese über seine Motivation, als einer der Ersten die Möglichkeiten zu nutzen, die ihm und seinem Team die Hamburg Open Online University (HOOU) bietet. „Für uns als Institut ist das eine große Chance, die Forschung, die wir machen, allgemeinverständlich darzustellen, um zu vermitteln: Was macht ihr da eigentlich?“

Biokatalysatoren sind überall im Alltag

Tatsächlich wissen wohl die wenigsten, dass Biokatalysatoren überall im Alltag vorkommen, dass diese Teilchen die Wäsche sauberer und die Herstellung von Hautcremes ökonomischer und umweltverträglicher machen können. Für das HOOU-Projekt „Technische Biokatalyse im Alltag“ haben sich Liese und sein Team eines dieser Enzyme herausgegriffen und zeigen am konkreten Beispiel von Hautcremes, welche Eigenschaften es hat, welche Reaktionen man damit katalysieren und wie es eingesetzt werden kann.

Hierbei bleibt der Kursus bewusst nicht an der Oberfläche, sondern geht auch ins biologische, ins chemische, ins verfahrenstechnische Detail. Darüber hinaus bietet das Team Einblicke ins TUHH-Labor – und tritt auch vor die Labortür, indem es die Industriepartner einbezieht.

In einem Interview mit dem Industriepartner soll es aber nicht nur darum gehen, was in der Produktion eingesetzt wird und wie. „Der Gesprächspartner soll auch einen Einblick in den Arbeitsalltag geben: Wie ist das, heute in der Industrie zu arbeiten, was waren die Herausforderungen bei der Skalierung solcher Verfahren?“ Neben dem inhaltlichen, dem rein wissenschaftlichen Aspekt, soll es darüber hinaus auch um die persönlichen Erfahrung gehen, darum, welche Kompetenzen der Gesprächspartner für seinen Job mitgebracht hat, welche ihm vielleicht fehlten und was er Studienanfängern raten würde.


Phänomen zu Hause entdecken

Der Lerneffekt wird dadurch erzielt, dass die Teilnehmer abschließend die Aspekte des exemplarischen Verfahrens mit sinnbildlichen Experimenten und Alltagsmaterialien zu Hause entdecken. „Um die Grundprinzipien zu lernen oder um vielleicht auch selbst zu entdecken: Was sind eigentlich die Herausforderungen, warum klappt das nicht so gut, um dann Lösungen daraus abzuleiten“, erklärt Liese.

Eine Herausforderung für Liese und sein Team in der Arbeit an diesem Projekt war es, die Zielgruppe für den Kursus zu definieren. „Denn nur, weil es einem das Format erlaubt, theoretisch die ganze Welt einzubeziehen, mussten wir doch feststellen, dass das für unsere Zielsetzung wenig hilfreich gewesen wäre“, erklärt Alexander Himmelspach, Post-Doc am TUHH-Institut für Technische Biokatalyse.

Darüber haben die Forscher in Workshops nicht nur mit den Experten der HOOU diskutiert sondern auch mit Oberstufenlehrern, Bachelor-Studierenden, Doktoranden und den Industriepartnern. „Anschließend haben wir uns gefragt: Wie können wir unsere Inhalte tatsächlich für unsere definierte Zielgruppe der Studieninteressierten und Bachelorstudenten attraktiv gestalten“, sagt Himmelspach, der selbst als Student noch „gar keine Berührungspunkte“ mit digitalen Inhalten hatte: „Wir konnten uns ja noch nicht mal online für Klausuren anmelden. Wir haben uns noch bei den Zimmern der Professoren in Listen eingetragen.“

Vorteile überwiegen klar

Natürlich erfordere die Arbeit an einem solchen Projekt auch viel Zeit, das geben Liese und Himmelspach unumwunden zu. Doch beide sind sich ebenfalls einig, dass die Vorteile überwiegen. Weil das Institut dadurch zeitgemäß und weitreichend Werbung für sich und die unterschiedlichen Aspekte seine Arbeit machen kann. Vor allem aber, „weil wir hier ja nicht nur Chemikalien produzieren“, sagt Liese. Es gehe auch darum, den Interessierten zu zeigen: Wofür brenne ich – und darum, die Studierenden auf ihre Karriere jenseits des Elfenbeinturms vorzubereiten.


Auf einen Blick:

Lernangebot: „Technische Biokatalyse im Alltag“
Verantwortlich: Prof. Dr. rer. nat. Andreas Liese, Leiter des
Instituts für Technische Biokatalyse an der TUHH
Themengebiet: Bioverfahrenstechnik
Keywords: Biokatalyse, Industrielle Biotechnologie, Enzyme
Start des Projekts: Herbst 2016


  Zum Projekt auf der Homepage der HOOU: www.hoou.de


TUHH - Pressestelle
Jasmine Ait-Djoudi
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