Kirsten Gosch - Eine Frau in einer Männerwelt

Kirsten Gosch ist eine Ausnahmefrau. Auch wenn sie sich selbst so nicht sieht, gehört die 28-Jährige zu den wenigen Frauen, die sich in der von Männern dominierten Technikwelt durchgesetzt haben.

Seit 2005 arbeitet Kirsten Gosch bei der Firma Ibeo AS in Hamburg. Angefangen hat sie als Mitglied im Team der Entwickler, heute ist sie Projektleiterin. Bei Ibeo AS werden Laserscanner für den Automobilbereich entwickelt. Diese messen auf der Basis von Infrarot-Technik Entfernungen, zum Beispiel den Abstand zwischen Autos, und können außerdem unvorhergesehene Hindernisse auf der Straße orten. Kirsten Gosch ist für die Entwicklung eines Sensors zuständig, der im Juli 2008 in einer Serie von zunächst 1000 Stück produziert wird. Für die Projektleiterin heißt das: Sie ist dafür verantwortlich, dass der Sensor in Top-Qualität pünktlich ausgeliefert wird. Ihr unterstehen dabei 15 Mitarbeiter, fast ausschließlich Männer.

Allein unter Männern – für Kirsten Gosch ist das nichts Besonderes. Seit sie 19 ist, bewegt sie sich in einer Männerwelt. Schon in ihrem Studium Elektrotechnik an der Technischen Universität Hamburg-Harburg (TUHH) war das Verhältnis zwischen Männern und Frauen alles andere als ausgewogen. „Auf zehn Männer kam etwa eine Frau", sagt Kirsten Gosch, die in Bad Oldesloe in Schleswig-Holstein geboren wurde.

Nach ihrem Abitur im Jahr 1999 stand für Kirsten Gosch zunächst fest, dass sie Mathe oder Physik studiert. „Diese Fächer haben mir viel Spaß gebracht”, sagt sie. Die Ingenieurwissenschaften waren ihr völig fremd. Ein Studium in diesem Bereich hatte sie deshalb nie in Erwägung gezogen. „Ich habe nur in Schulfächern gedacht, und da kamen die Ingenieurwissenschaften nicht vor.” Erst ein PC-Kursus an der TUHH hat die Schülerin dann auf die Idee gebracht, Elektrotechnik zu studieren. Hinzu kam, dass viele diplomierte Physiker später in denselben Bereichen arbeiten wie Ingenieure. „Ich begann mich für das Fach zu interessieren. Eine andere Richtung, wie etwa Maschinenbau, kam für mich nicht in Frage. Vielleicht ein Vorurteil, aber ich hatte Angst, dass ich dann vor allem mit großen Apparaten und Maschinen hantieren muss. Außerdem bot schon damals Elektrotechnik ausgezeichnete Berufschancen." Während des Sommerkursus’ lernte sie bereits die TUHH von innen kennen: die Foyers und Seminarräume sowie die Arbeitsplätze der Studierenden, Mensa und Bibliothek – all dies gefiel ihr. Auch die Tatsache, dass die Uni durch ihre Größe überschaubar war, spielte eine entscheidende Rolle in der Entscheidung für ein Studium an der TUHH.

Bereut habe sie diesen Schritt nie. „Die Zeit an der Uni war toll", erinnert sich Kirsten Gosch. „Ich habe nie in einem überfüllten Hörsaal gesessen”, sagt sei. Kein einziges Mal habe es Grund zur Klage wegen schlechter Rahmenbedingungen gegeben, wie sie dies von anderen Universitäten hörte. Zu den schönsten Erinnerungen an ihre Studienzeit zählt ihr Auslandsemester an der schwedischen Universität von Linköping.

Dass sie während des Studiums fast allein unter Männern war, hat Kirsten Gosch nie als Nachteil erlebt – im Gegenteil. „Weder von Studenten- noch von Professorenseite gab es Vorbehalte. Trotzdem habe ich gern Kurse für Frauen zu Themen wie ‚Rhetorik’ oder ‚Präsentationstechnik’ besucht. Diese Veranstaltungen habe ich keinesfalls als verschworene Gemeinschaft gegen die Männer erlebt, sondern als eine der wenigen Gelegenheiten, mich auf diesem Gebiet der sogenannten Softskills weiter zu qualifizieren – mit dem netten Nebeneffekt, auch einmal in einer reinen Frauenrunde zu sein."

Die Firma, für die sie heute arbeitet, hat Kirsten Gosch bereits während eines Praktikums im zehnten Semester kennengelernt. Außerdem schrieb sie ihre Diplomarbeit über digitale Entfernungsmessungen für Laserscanner. „Im Anschluss daran hat mir Ibeo AS dann eine Stelle als Entwicklerin für Sensoren angeboten", sagt sie. Dieser Job sei ein absoluter Glücksgriff gewesen: „Mich haben die familiäre Atmosphäre, die innovative Arbeit und die flachen Hierarchien begeistert." Als Projektleiterin ist Kirsten Gosch immer noch sehr nah an der Entwicklung, aber sie selbst kommt nicht mehr oft zum technischen Arbeiten. „Stattdessen plane und überwache ich einzelne Projektschritte sowie die Ressourcen und Kosten, und leite Besprechungen und kümmere mich um mögliche Problem, die während des Entwicklungszyklus des neuen Sensors auftreten.” Diese Arbeit sei abwechslungsreich und anspruchsvoll, und bereite ihr vor allem wegen der ausgeprägten Teamarbeit viel Spaß. „Ich kann mir vorstellen, weiter in Richtung Management zu gehen, möchte aber nicht den direkten Kontakt zur Technik komplett verlieren", so Kirsten Gosch, die in ihrer Freizeit zur Entspannung am liebsten skandinavische Krimis liest.

Künftigen Studenten möchte sie eines mit auf den Weg geben: „Niemand braucht Angst vor dem ‚Sprung ins kalte Wasser’ zu haben. Ich möchte auch alle beruhigen, die meinen, man müsste schon konkrete Vorstellungen über seine Laufbahn für die nächsten fünf oder zehn Jahre haben.” Sie selbst hätte sich während ihres Studiums nie vorstellen können, später viel zu programmieren und habe sich an der Uni immer davor gedrückt. „Heute macht mir das allerdings viel Spaß”, sagt sie. Nach dem Studium an der TU sei man in der Lage, gänzlich neue Herausforderungen zu meistern. „Also nur keine Angst und lasst euch Zeit, herauszufinden, welche Richtung am besten zu euch passt: Ob technischer Experte, Projektleiter oder Produktmanager.”